04.08.2011

Was verdient ein Bartender …? Teil 4 . Zwischengedanken: Wir verkaufen Illusionen - wir sollten uns Ihnen aber nicht hingeben. Wach auf - und heul nicht rum...

Heute/Gestern erhielt ich einige eMails auf meine letzten drei Beiträge. Und Anrufe. Und es gab zwei, drei persönliche Gespräche.  Zum einem mit Bartender Kollegen oder Bekannten aus unserer "Branche".  Zum anderen mit  Gästen des Le Lion. Facebook sei Dank, habe ich nunmehr auch viele Gäste als "FB-Kontakte" (in den ersten Jahren waren es eigentlich nur Bartender). Und diese geschätzten Gäste waren eigentlich der einzige Grund, warum ich kurz gezögert hatte, so Detailreich über Verdienste, Tip und meine persönlichen Bezüge zu schreiben. Warum? Nun, unser "Geschäft" ist es, Illusionen zu verkaufen. Ware, Drinks etc. sind nebensächlich. Die Illusion, das was in den Köpfen der Gäste vorgeht, ist das Entscheidende. Atmosphäre, Gästemix etc. kommen hinzu.  Und da sind so reale Fakten irgendwie "unsexy" ...einfach nicht cool. Wenn Geheimnisse gelüftet werden, nimmt es uns ein wenig von unseren eigenen Interpretationen von der Sache.

Die Bar ist Illusion. Bühne. Jeden Abend führen wir unser Stück auf. Wir verkaufen unseren Gästen Lifestyle und Urbanität. Dank uns und unserer Bar ordnen Sie sich selbst in Ihrer gewünschten Nachtwelt ein. Sie brauchen uns, als Sparringspartner, um Ihre Wünsche und Vorstellungen wahr werden zu lassen. Und auch unsere Gäste leben sicherlich ein Stück weit in einer Illusion. Gut so.

Da wird eventuelle doch noch mal das Outfit vor dem Bar Besuch gewechselt. Den schließlich möchte man sich im Nachtleben doch gerne anders darstellen als auf dem heimischen Sofa (gut so ...)

Der andere Gast kauft prestige Champagner und platziert gekonnt bei der Rechnung seine  Platinum American Express. Gerade so, das es nicht platziert aussieht, es aber doch jeder am Tisch mitbekommen hat.

Der Connaisseur braucht seinen Platz an der Bar, braucht das Fachgespräch mit dem Bartender um sich, insbesondere auch bei seinen Gästen, als wissend und dazugehörig darzustellen.

Derer Beispiele gibt es viele. Und deshalb liebe ich meinen Job. Deshalb liebe ich meine Bar. Deshalb interessiert es mich herzlich wenig was ich aktuelle mit der Bar verdiene. Den ich habe den interessantesten Beruf der Welt in einer der schönsten Bars. Die bunteste Mischung von interessanten Gästen kommt Nachts zu uns in die Bar und wir spielen uns alle ein wenig Theater vor. Auf hohen Niveau selbstverständlich, ich bitte Sie!

Ich liebe das. Das macht Großstadt für mich aus. Glauben Sie mir, eine Bar in der nur Millionäre verkehren ist wahrscheinlich der langweiligste und erbärmlichste Ort der Welt. Aber ein gewisser Anteil ist gut für's Bühnenbild. Der Mix machst. Und die Illusion. Es lebe die Nacht.

Deswegen ist der Bartender ein  Held. Der Millionär, und auch der daneben sitzende Hochstapler bewundert Ihn. Denn am Ende des Tages brauche Sie alle in den Großstädten dieser Welt Ihre Bühnen. Ohne die Bühnen, unsere Bars, wäre Ihr Leben um den eigentlichen, oft einzigen Teil der es interessant macht, ärmer.  Und der Bartender herrscht über diese Bühne, die sie alle brauchen und suchen. Er ist der Held der Nacht.

Nur die Bezahlung ist nicht immer "Heldenhaft", das wird hier langsam klar.

Aber hat Superman das für das Geld gemacht, oder für die Ehre?

(von der Frau ganz zu schweigen)

Und die besten unserer Branche schalten in den Nachtmodus und kommen nur ganz selten wieder daraus hervor. Und das ist eine kleine Gefahr. Wir  verkaufen Illusionen, wir inszenieren Sie, nur müssen wir Gelegentlich den Weg in die Realität zurückfinden.

Wir leben nicht das Leben unsere Gäste. Gerade auch deswegen, weil wir es uns nicht leisten können. Unsere Gäste auch nicht immer. Anderes Thema. Nur wir sehen Ihre Momentaufnahme, der Abend an dem Sie den 300 € Champagner trinken, mehrmals am Abend und laufen Gefahr, diese Situationen als normal hinzunehmen.

Wir leben in der Nacht. Wir haben das Privileg dieses traurige nine to five Leben zu umgehen. Da am Endes des Tages allerdings irgendwann die Miete gezahlt werden muss, müssen wir uns von Zeiten kurz aus unserer Welt, der einzig wahren, in dieses erbärmliche Tag-Leben herab lassen.

Ein gelegentlicher Tag in der Realität ist angebracht. Rechnungen bezahlen, sein Privatleben organisiert bekommen etc. Und den Weg planen. Bartending ist einerseits knochenharter Job. Andererseits die Krone des überhaupt möglichen. An diesen hellen real Tagen,in der Regel der zweite Tag frei (den ersten hat man erschöpft auf der Couch verbracht) nimmt man ein spätes Frühstück im den Cafés seiner Stadt, und denkt sich: wo will ich hin damit?

Mache ich diesem Job mit 30, 35, 40, 45? Wie mache Ihn dann, was mache ich dann, was verdiene ich dann?

Von Zeit zu Zeit sei das empfohlen.

Ich treffe eine Menge Bartender auf den unterschiedlichsten Events und es gibt viele Gespräche beim Abendlichen Gin & Tonic. Und, unter uns, einige, nicht zu wenig, sind unzufrieden. Gefrustet.

Wenn ich mir die Reaktionen auf das Thema Gehalt so anschaue, ist der Verdienst oft vordergründig das ausschlaggebende Argument. Aber eigentlich nicht wirklich. Irgendwie sind diese geschätzten Kollegen mit sich und Ihren Leben nicht zufrieden (sehr zum Leidwesen ihrer Kollegen, und leider auch der Gäste). Sie machen Ihren Job, ein wenig von oben herab, den eigentlich wissen Sie ja eh schon alles, und sind die unerkannten Stars. Die Diven, die doch eigentlich ganz anders anerkannt gehören, die missverstanden, nicht entdeckt, falsch entlohnt sind. Aber irgendwann werden Sie es uns zeigen...

"Wach auf!" möchte ich da gerne oft als Antwort geben, doch es bleibt in der Regel beim "Cheers" und einem weiteren Gin &Tonic.

Bartending ist für mich ein fantastischer Job. Und auch für die kurzweilige Bespaßung, das unbedarfte Leben, ist es ein großes Vergnügen. Da gibt es die Geschichten von den Bartendern eines Berliner Nachtclubs die Donnerstag, Freitags, Samstag so viel Trinkgeld machen, das Sie immer Sonntags direkt von der Arbeit zum Flughafen fahren, ein Last Minute in die Sonne und zur Party buchen, und Donnerstags mittags zurück zur Arbeit erscheinen.

Man kann eintauchen in die Partywelt der Schönen und Reichen, Herr der Bar auf Sylt, oder den exklusiven Skigebieten oder sonstigen europäischen High Roller Metropolen werden.  Man kann dort eine Menge Geld verdienen. Unser Job ist international, deutsche Bartender werden in der Regel gerne weltweit eingestellt. Die Kellnerin in den Top Casinos in Las Vegas liegt Gerüchten zu folge bei einer viertel Millionen Dollar Trinkgeld im Jahr. Die guten Show Bartender dort verdient weit mehr.  In der Flair Branche bekannt, habe sich einige der Größen dort von den Competitions und dem anderen Spielkram verabschiedet und widmen sich in Las Vegas einem ganz zentralen Thema: richtig viel Geld verdienen.

Es gibt viele Parallelen zum Showbusiness - und daher muss man es eventuelle Verzeihen, wenn sich einige Bartender irgendwann mit gewissen Starqualitäten a la Showbusiness wahrnehmen. Und vielleicht auch eine dementsprechende Behandlung unterschwellig erwarten, zumindest aber auch eine diesen Ansprüchen angemessene Bezahlung.

"Wach auf!"

Alles ist möglich in unserer Branche, nur nicht alles zusammen. Daher sollte diese späte Frühstücks-Überlegung durchaus einmal ernsthaft verfolgt werden. Was mache ich mit 40, 50, 60? Wie geht es weiter ? Kennst Du heute einen Bartender um die 50, 60 ? Es gibt Sie, zum Glück. Aber wenige. Du kannst selbstverständlich weiterhin dein kurzweiliges Leben führen, nichts spricht dagegen. Nur nerve Deine Kollegen und Gäste dann nicht mit deiner latent unterschwelligen schlechten Laune.

Wenn Du viel Geld verdinene möchtest hättst Du enventuelle in jungen Jahren auf das schnelle Geld verzichten sollen und diese langweilige Akademische Laufbahn einschlagen sollen. Ist kein Garant, aber die Wahrscheinlichkeit ist höher. Aber irgendwie war es doch auch cool mit zwanzig viel Geld in der Tasche zu haben, im Vergleich zu Deinen Bekannten an der Uni, oder?

Also, heul nicht rum. Du bist dein eigener Schmied. Und hast den besten Job der Welt. Mach was draus!

Du brauchst einen Plan. Und um diesen umzusetzen, da ist dann die Grenze bei vielen erreicht, brauchst du Geduld. Du musst langfristig planen. Aber, "Wach auf", erschaffe die Illusion, aber gibt dich Ihr nicht hin, mache Deinen Plan, verfolge ihn ausdauernd.

"Wo siehst Du dich mit 50, 60 ?"

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Fußnote: Mario Zils hat einen Link zu einem Artikel von Charles Schuhmann von 1984 entdeckt. Lesevergnügen. 27 Jahre später macht das immer noch Sinn.