Früher war alles Besser. RIP Barkultur. Von der Liebe.

Heute dachte ich: Würde sich doch besser niemand für Barkultur interessieren, so wie früher. Was waren das für lustige Zeiten.

John, wenn ich es richtig verstanden habe,  Geschäftsführer IMG - Warsteiner Gruppe, hat hier auf meine LE ROC Kritik geantwortet. Ich werde ihm, wenn ich die Zeit finde, ein paar Gegenargumente liefern. Es lebe der Disput! Und er soll hier gar nicht als Schuldiger durch Dorf getrieben werden. Sein gutes Recht zu Antworten, lobenswert, mit guten Argumenten. Nur, als ich las, dacht ich: Was waren das doch früher für schöne Zeiten, als sich keine Mensch für "Barkultur" interessiert hat. Heute darf ich  dann mit der Marketing Abteilung von Warsteiner über die Barkultur debattieren, bis vor kurzem hat es in diesen Dimensionen noch niemanden interessiert.

Früher wars toll. Man hat sich für irgendwelche nicht zu bekommenden Produkte interessiert, Sie mit unglaublichem Aufwand und Kosten (und oft nicht ganz legal) bezogen, hat Sie interessierten Gästen und Kollegen gemixt, man hatte ein außergewöhnliches Trinkerlebnis, wurde hoffentlich auf ein wenig berauscht und das war ein runder Abend. Es gab Gespräch, Rausch, Geschmackserlebnisse, Passion, Leidenschaft und Liebe. Toll.

Dann haben wir Bartender versucht, diese Faszination zu verbreiten. "Barkultur", "Mixologe" und andere Kunstworte wurden geschaffen bzw. wiederbelebt um die Liebe zu verbreiten. Wir haben versucht Händler und Hersteller zu überzeugen: "Dieses Produkt ist wichtig, Ihr solltet es so machen etc."  Und es hat keinen interessiert. Wir haben weiter gemixt, getrunken, Spaß gehabt. Wir haben wilde Parties veranstaltet, die ersten BCB's liefen durch Land, man traf sich zur BAR in London die Traveling Mixologists hatten unvergesslicher Abende in München, Köln, Berlin und Hamburg.

Doch mit der Zeit verstanden die Großen besser. Agenturen und PR Agenturen wurden eingeschaltet, anfangs noch ziemlich weit weg von der "Szene", mittlerweile ganz dicht dran. Ein paar clevere Player fingen an, Bartender für sich zu engagieren, was ich bis heute als sehr angenehm empfinde. Schließlich kommuniziert man hier auf Augenhöhe und man ist vor Missverständnissen sicher. Viele kleine Nischenprodukte kamen auf den Markt, vieles wurde verfügbar, alles plötzlich nahezu überall erhältlich. Bartender organisierten sich neu in  Clubs und Zirkeln und arbeiten eng mit einem Großteil der Industrie zusammen. Man veranstaltete Events und Tasting besser als so manche PR Agentur. Oder es wurden, Stufe 2.0 gleich als Zirkel oder Rat von der Industrie gegründet. Man nimmt die Szene im Handstreich und die lässt sich gerne nehmen. Alle wollen ja nur das Beste für die Barkultur ... Altruismus, wohin man schaut.

Heute bekommt man als Bartender in einer der bedeutenden Bar Städte Deutschland dutzende Einladungen pro Monat zu solchen Veranstaltungen. Die Industrie ist so was was dicht dran an der Szene, das Sie sie bald erdrücken wird, oder schon hat. Die Barkultur ist in diesem Zirkus schon vor einiger Zeit zu Grabe getragen worden. Keine Angst, ich zeige nicht mit dem Finger auf andere, ich war und bin Geburtshelfer und Sargträger der ersten Stunde. Aber manchmal, so wie heute, denke ich gerne ein paar Jahre zurück. Als die Leidenschaft brannte. Und sich keine Sau für Barkultur interessiert hat.

Barkultur ist in aller Munde. Sie ist über den Tellerrand der Fachblätter geschwappt. Wir sind umgeben von ehemaligen Bartender, die vor 5 Jahren auch mal nächtelang Drinks verkauft haben und uns heute als Redner, Trainer, Blogger oder Artikelschreiber immer wieder ermahnen, das der arrogante Mixologe, der Mad Professor hinterm Tresen nicht zu suchen hat. Und dann muss ich lachen, denn ein Teil der Herren kenne ich persönlich seit  Jahren und durfte Sie früher arbeiten sehen. Als Sie Feuer in den Augen hatten, Leidenschaft und Liebe! Und zum Glück so wahren, wie Sie es heute predigen nicht zu tun. Arrogant, Hochnäsig, Leidenschaftlich, Stolz, Bartender.

Und mir treiben ein paar "Junge" die Tränen in die Augen. Mit Ihren Meinungen und Kritiken an und über Bartender. Halten vielleicht seit fünf Jahren ein Shaker endlich richtig rum im Aushilfsjob ode glauben sich ihr Halbwissen durch Old Fashion ersoffen zu haben und urteilen über erfahrene Kollegen. Über jahrelange Profis ohne einen blassen Schimmer, was dieser Beruf, die Nächte hinter einer Bar, seit 10 oder 20 Jahren, 5 bis 6 mal die Woche, überhaupt bedeuten.

Und dann sind da noch die umtriebigen, vernetzen Kollegen aus Bar und Agentur.  Die mir ob meines Facebook Austrittes alle unterbreiten wie sehr Sie das ganze doch auch nerve, Facebook sei ja nur noch Underground Business, aber Sie könnten es sich nicht erlauben: Sie müssten die Szene Monitoren, das seien Sie ihren Auftraggebern schuldig.

(Regieanweisung: Der Autor übergibt sich im Geiste)

Ich frag mich, was man da groß monitoren will? Die paar Foto uploads vom letzten Brand Event? Gucken was der Mitbewerber macht?  Das was wir früher einmal Szene nannten und zu dem mir vor 5 Jahren 40, 50 Gesichter aus dem Lande sofort eingefallen sind,  ist zum großen Theaterstück geworden. Große Besetzung, die meisten hinter Masken mit anderem im Sinn, einige wenige leidenschaftliche Akteure

Und alle reden von Barkultur. Und fast alle wollen einem irgendwas verkaufen. Der Zirkus hat schon lange abgehoben, er beschäftigt sich nur noch mit sich selbst. Ob es jemand merken wird, wenn man sich heimlich raus schleicht und einen Drink nimmt? Auf die gute alte Zeit? In einer ruhigen Bar? Bei einem freundlichen Bartender, der seinen Manhattan akkurat mixt. Natürlich mit Bourbon, Rye ist halt schwer zu bekommen. Und wir würden wieder Trinken und reden. Uns berauschen, die Atmosphäre genießen, interessante Frauen und Männer studieren und kennenlernen, uns der Musik hingeben. Ein bisschen von der legendären Barkultur schnuppern. Den eins ist gewiss: Wenn es jemanden gibt, der am wenigsten von der Barkultur versteht, scheinen das heute gelegentlich Ihre Protagonisten zu sein.

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Ich habe mir gerade dieses unglaublich Video der Traveling Mixologists in der Trinkhalle 2007 angeschaut. Helmut Adam hart am Interview :-) Seit ca. 4 Jahren nicht mehr gesehen... ich werde melancholisch.

" Jigger in your Ass! "



Link: Traveling Mixologists Backstage in Munich

Kommentare

  1. In der Tat ein klasse Abend! :) Chartreuse-getränkte Morgenstunden. Die Sitznachbarn auf dem Rückweg nach Berlin hatten sicher ein olfaktorisches Erweckungserlebnis...

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  2. Schöner Artikel, und so wahr...DANKE!!!!

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  3. Super Artikel....ich fühle mich für die tägliche Arbeit jetzt noch besser motiviert...danke für eine so treffende Analyse.

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  4. Zum Inhalt des Artikels selbst:

    Man muss natürlich ein wenig unterscheiden zwischen persönlicher Sättigung des Betrachters, zwischen Außen- und Innensicht.

    Klar ist, dass für jemanden, der mehrere Jahre den Barzirkus intensiv gelebt hat, und da zähle ich mich auch dazu, die Spannung fehlt vielerorten. Das ist ein natürlicher Prozess. Andererseits hat man aber auch die Wahl, ob man Teil des Zirkus sein möchte.

    Der junge Barmann, der gerade einsteigt, wird noch Glanz in den Augen haben und ein Staunen im Mundwinkel. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich nicht mit 25 Jahren und ein wenig Berufserfahrung von einem Multi kaufen lässt, um regionaler "Markenbotschafter" zu werden. Bei der nächsten Rezession sieht unter Garantie als einer der ersten das Büro von HR und sein Entlassungsschreiben.

    Bezüglich Le Roc und Co:

    Wenn Barkultur den Mainstream und die großen Firmen reizt/erreicht - ob aus idealistischen oder kommerziellen Gründen - wollte man nicht genau das erreichen? Haben wir, hat man selbst, die Deutungshoheit, was Barkultur angeht?

    Der klassische Rant, und als den seh ich diesen Post, darf übertreiben und knallhart alles über den Kamm scheren. Beim zweiten Kaffee und bei Tageslicht ist da aber genug Raum, Dinge in Frage zu stellen und differenzierter zu betrachten.

    Ganz klar ist aber - wir brauchen wieder mehr "punk rock" und weniger kalkuliertes Verhalten. Mal schauen, was sich da wieder bewerkstelligen lässt in den nächsten Wochen und Monaten.

    Ich biete mich wieder als Kameramann an. ;)

    Prosit! HA

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  5. Tja,Zauberlehrling..! Ein lieber Tipp von einem,der den Job jetzt seit 23 Jahren macht: Hinterm Tresen stehen statt am Rechner sitzen,denn dankbare Gäste sind der schönste Lohn für die Fron.Vor allem aber beschäftige Dich auch noch mit etwas anderem,füttere Deinen Geist mit Musik,Kunst,Literatur..Lies Deinem Kind etwas vor,statt im Traum von Eisbällen zu faseln.Es gibt ein Leben außerhalb des Bar-Zirkus! Herzlichste Grüße,Robert Potthoff

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  6. Geschätzter Robert,

    ich weiss nicht was Dich zu der Annahme veranlasst, das man am Rechner sitzen und am Tresen stehen nicht vereinbaren kann inkl. Musik hören, Kunst, Literatur und meinen Kindern was vorlesen (mit einem geben wir uns hier nicht zufrieden) . Du schaffst es ja auch am Rechner zu sitzen (lesen statt tippen) und ein fantastischer Bartender zu sein. Der Tag hat ja 24 Stunden, und so ein paar lächerliche 12 Stunden Schichten bremsen uns nicht! Und auf gutes Eis, stehst du ja zum Glück auch :)

    http://cdn2.venyoobot.de/images/gj/zc/gjzck4_603_431.jpg

    Gruß in Ellington . wird Zeit für einen Besuch

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  7. Nicht soviel am Rechner sitzen meinte: Was das Auge nicht sieht,kann dem Herzen nicht wehtun;Laß' sie doch trommeln..Ich persönlich z.B. hätte Lust einen Teil meiner Zeit mit dem Züchten von Bienen zu verbringen und/oder zu gärtnern.Na,mal sehen.Und ja,sei herzlich willkommen in Düsseldorf!

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  8. Alles klar Robert! Ich gebe mir Mühe...!

    Helmut - Interview Deal steht....!

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