04.08.2010

Eine "fiktive" Stellenanzeige fürs Le Lion: Gesucht: „Commi de Bar“

Was waren das noch für Zeiten. Als Bartender durchs Land zogen und in einer kleinen Bar in einer Großen Stadt anheuerten. Sie kamen vom Kreuzfahrtschiff, aus allen Teilen der Welt. Sprachen vielleicht neben Englisch noch eine andere Sprache. Hatten viel gesehen, Ihren Mann gestanden. Konnten erfahrenen Gästen auf Augenhöhe begegnen. Konnten auch mit Ihren Berufsbild, dem Barmixer, „alt werden“.

Nicht das ich dieses Zeiten erlebt hätte. Ein wenig habe ich über diese alte Zeit „gehört“. Von alten Bartendern. Selbst die gibt es heute eigentlich nicht mehr. Alte Kreuzfahrtzeiten, die Europäischen Grand Hotels ... da muss jemand mittlerweile schon ziemlich alt geworden sein, um davon zu berichten. Und das in dem Beruf. Gastronomische Berufe haben eine deutlich verkürzte Lebenserwartung.

Wenn man mal wieder jemanden aus der „alten Garde“ trifft, freue ich mich über die Geschichten von ganz früher. Da wurden Gurken Scheiben eingefroren um im Winter Pimm‘s servieren zu können ! Dieser und andere Tips und Tricks. Und was ganz klar in meiner Vorstellung hervortritt: Großartige Zeiten für Hochstapler. Da wurde Reputation und Erfahrung ersponnen und erlogen. Wer konnte es schon kontrollieren. Klasse Zeiten !

Und dennoch, wer Reputationen aufbauen wollte machte erst einmal eine gescheite Kellner Lehre in einen Guten Haus. Anschließend, meist schon alles „in House“ geklärt, ging es dann für ein Jahr an die Bar. „Mann“ war Commi de Bar. „Einfach mal die Schnauze halten“ sagte mir ein Mitglied der alten Garde, Ex Commi im Vier Jahreszeiten Hamburg. Vor einigen Jahrzehnten versteht sich.

Wer das Jahr absolviert hatte, war Barmixer. Recht einfaches System wie ich finde. Und recht effektive. Schlägt jede mir bekannte Ausbildungsform für Bartender um Längen. Barschulen können einem so etwas in meinen Augen nicht vermitteln. Und IHK Prüfungen erst recht nicht. Aber das ist ein anderes Thema.

Also, wer ein guter Bartender werden will, sollte in einem guten Haus arbeiten. Sicherlich besteht nicht die Garantie das er dadurch ein guter Bartender wird. Talent ist eine Vorraussetzung und Idioten schaffen es egal wo, das Ding an die Wand zu fahren. Außerdem könne gute Adressen auch schlechte Ausbilder sein...aber, ich verliere mich. Zurück zum Thema.

Aber dennoch, so ein „klassischer“ Commi de Bar Weg macht für mich Sinn. Die vorherige Ausbildung in einem guten Hotel ist in meinen Augen mehr als Sinnvoll. Nicht absolutes Muss aber dennoch ein absolut richtige Grundlage.

Dort lernt man, so meine Einschätzung, Dinge, die niemanden Schaden könnten. Basics, die man später nur noch schwer vermitteln kann. Dinge, die einen als Mitarbeiter im Gastgewerbe in Fleisch und Blut übergehen sollten und mittlerweile oft eher die Ausnahmen sind.

Ich will hier nicht von Mitarbeitern des Löwen sprechen, aber so das eine oder andere bekommt man auch heute noch bei Besuchen rund um den Globus mit. Einiges ist leider sehr ernüchternd. Basics, das Mindestmass an Verhaltensregeln oft Fehl am Platz. Essen hinter der Bar, Telefonieren, SMS etc sind überall anzutreffen und mir ein Graus im Auge. Aber auch so schöne Spiele wie zwei Bartender an der Bar, ein einzelner Gast und die beiden unterhalten sich permanent über privates ... Hackt es eigentlich?

„Call me Spießer“ aber ich stehe auf so Old Skool Geschichten. Von diversen Ungeflegtheiten in Garderobe und sonstigen Verungleisungen einiger Bartender ganz zu schweigen. Joviales „Duzen“, Hin-knien zu Gästen, Gäste betatschen, High Five und andere Verhaltensstörungen, "einen auf Buddy machen" - zum Kotzen.

Schlechtes Benehmen wohin man sieht. Daher: zwei, drei Jahre hoffentlich anstrengende Ausbildung in einen gutem Haus könnten Helfen. Muss nicht, kann aber. Also in meinen Augen sehr guter Grundstein für das Gastgewerbe. Außerdem noch für einen weiteren Effekt. Gastgewerbe ist Knochenarbeit. Extrem Anstrengend. Und eigentlich immer unterbezahlt. Und bei einer schlecht Bezahlten Ausbildung im guten Hotel mit einigen Dutzend Überstunden pro Monat bekommt man in meinen Augen ein gesundes Verhältnis zu dem Job. Bartending ist Knochenarbeit. Es hat viel mit solchen unliebsamen Dingen wie Mise en Place zu tun. Wer darauf trainiert wurde das das Mise en place IMMER, IMMER perfekt zu sein hat (weil sonst ein kolerischer Oberkellner alles andere als freundlich sein wird) hat eine gute Schule für die Bar durchgemacht.

Und, noch eins: Hierfür möchte ich Herrn Kappes heilig sprechen. Er hatte eine Welt Idee. Statt Japanese Barset das Vileda Wisch Set für den jung Bartender. Denn neben Mise en place ist Bartending: Putzen und Pflege. Das mag in großen Häusern ob unterschiedlicher Personalkosten anders geregelt sein, in einem kleine Haus hingegen müssen alle ran.

Und da hilft es nun einmal extrem, wenn man einen angewöhnten Zugang zu solchen lästigen aber notwendigen regelmässigen Arbeiten hat. Also, alles in allem: Vorab Ausbildung im guten Hotel/Restaurant in meinen Augen kein Fehler. Eher positive zu werten.

Aber darum geht es nur zum Teil. Eigentlich geht es mir ja um den Commi de Bar. Den „Lehrling der Bar“. Bartender Generationen sind mit diesem System Großgeworden. Und es macht in einen Augen verdammt viel Sinn. Wer in einer guten Bar arbeitet, die Gepflogenheiten dort studiert, kann, und das meine ich ernst, ohne jemals einen Drink für Gäste zubereitet zu haben, ein besserer Bartender sein, als viele die gleich am ersten Tag schon fast den Barchef gemimt haben. Wer in einer guten Bar arbeitet, sieht eine Menge. Jede Nacht. Neben der Theorie auch jede Menge Praxis jenseits des Shakers. Und das ist in meinen Augen eine gute Schule. Und eine gute Bar sollte es sich schuldig sein, das ein Neuling selbstverständlich NICHT die Drinks zubereitet. Auch nicht an einem ruhigen Sonntag Abend. Und wenn es eine gute Bar mit einem gutem Team ist, sieht man sich auch in der Verantwortung, dem Commi ein Wissen über den Abend hinaus zu vermitteln.

Eigentlich ein großartiges System. Und da wir gerade im Le Lion personell knapp besetzt sind, neben meiner Person derzeit noch Herr Kappes und Herr Bornhöft, und wir in naher Zukunft auf Grund der kommenden Wintersaison und neuer Projekte wie dem Tasting Room neues Personal einstellen möchten, würde ich neben zwei neu zu schaffenden Stellen gerne auch eine als Commi de Bar anbieten. Neben Herrn Kappes, dem Barchef vom Le Lion, wird derzeit gerade eine zweite Stelle in Kürze neu besetzt. Zum Winter hin werden wir noch einen Bartender und eben einen „Commi“ einstellen. Zeit dieses Vorhaben zu bewerben. Nur würde sich so eine Stellenbeschreibung in unseren Zeiten nicht ganz so lesen wie man es gerne poltisch korrekt hört. Wenn man schreiben dürfte was man wollte, würde man das dann vielleicht so schreiben:

Stellenanzeige

Wir suchen eine Commi de Bar, ab September / Oktober 2010. Wir verstehen einen Commi de Bar als „Auszubildenen zum Bartender“. Ich verspreche dem Bewerber das wir ihm diesbezüglich eine umfangreiche Ausbildung anbieten werden, so er den gewillt ist, die hierfür notwendigen Leistungen zu erbringen. Ich erwarte von einem Commi einen Arbeitseinsatz von 200 bis zu 220 Stunden pro Monat. Die Bezahlung gleicht eher der eines „Praktikums“ und wird 1000,00 € pro Monat Brutto betragen. Bewerber sollten mindestens 20 Jahre alt sein und sehr gutes English sprechen. Ich erwarte gute Umgangsformen und ein gepflegtes Äußeres, bin hier aber, im Gegensatz zu den Umgangsforrmen, zu Interpretationsversuchen bereit.

Eine vorangegangene Ausbildung in der gehobenen Gastronomie begrüße ich, ist aber nicht Ausschlag gebend. Ihre Arbeitszeit wird auf ein Jahr begrenz sein. Wenn Sie also wie wir glauben, das sich trotz eines sehr großes Arbeitseinsatzes und sehr schlechter Bezahlung das Jahr als Commi im Le Lion wegen einer sehr gute Ausbildung zum Bartender auch für Sie lohnen wird, sollten Sie mit eine Bewerbungs-Email schicken:  Joerg @ lelion.net

Ihre Bewerbung sollte, wenn es irgendwie möglich ist, nur als Email bei mir landen. Mich nerven diese Bewerbungsmappen. Ihre Bewerbung sollte enthalten: ein aktuelles Photo, ein Lebenslauf, Zeugnisse etc. Darüber hinaus sollten Sie mir mittels eines Textes erklären, warum Sie gerne ein Jahr als Commi de Bar bei uns Arbeiten möchten. Der Form halber sei erwähnt, das dies Angebot selbst redend für Damen, als auch für Herren gelten würde!

Im Grunde genommen würde man es gerne so direkt schreiben. Oder noch kürzer:


Jemand Lust auf die Reise?

Kommentare:

  1. Hach... Würde man bloß in Hamburg leben und hätte man keine Verwurzelung anderorts...

    Obwohl ich mich schon sehr ungeliebt gemacht habe, wäre ich nicht "sesshaft" hier in Koblenz, ich würde mein Glück versuchen. Traumeinstieg in die Gastronomie wie ich sie mir wünsche...

    AntwortenLöschen
  2. Ich kaufe ein "r" für die Gastonomie.

    AntwortenLöschen
  3. Lieber Jörg,

    keine Panik, ich werde mich nicht bei Dir bewerben, auch wenn Du mir in puncto Stellenbeschreibung und Anforderungsprofil aus der Seele sprichst.
    In meiner HoFa-Ausbildung hatte ich selbst einen 63 jährigen Oberkellner (mit aus dem Hosenbund blutenden Hämorriden...), der mir als seinem letzten Azubi seine "alte Schule" in die Gene infusionierte. Er stellte mir die tägliche Arbeit als kurzen und applaudablen Auftritt auf einer Bühne dar, und je besser man übt und sich vorbereitet, um so größer fällt der Applaus halt aus. Der Gast bemerkt nicht, wenn es im Raum keine einzige Spinnen- oder Staubwebe gibt, aber er wird DIE EINE sehen, wie sie elegant und schwerelos eine Ecke des Raumes verziehrt, wenn ich sie nicht sehe. Ebenso die eine kaputte Glühbirne, die eine verknickte Seite in der Karte, ... . Er wird auch vielleicht nicht bemerken, wenn er nach 60 Sekunden seinen Drink vorgestellt bekommt, aber er merkt, wenn der Barmann sich in den Keller stehlen muss, weil irgendeine Kleinigkeit im Mis en place vergessen wurde (dabei weiß der Gast mit dem Ausdruck "Mis en place" gar nichts anzufangen, merkt er aber trotzdem), oder ich ihm das Glas einfach nur irgendwie auf den Tisch stelle.

    Das sind die Kleinigkeiten, die im Gegensatz zu einem einwöchigen 42 Stunden Barmixer(crash)kurs eine wirkliche Ausbildung ausmachen, WENN der Azubi 1. die eigene Einstellung, 2. den notwendigen Hirnschmalz, 3. den Willen, das Durchhaltevermögen und den Verzicht auf plötzlich eintretende Reichtümer mitbringt...
    4. der Ausbildungsbetrieb auch in seinen "Commis" investieren möchte und darauf baut, diese Anlage für mindestens ein Jahr danach zu Umsätzen generieren zu dürfen.
    5. eine Hand muss immer die andere waschen, nur eine Hand zu waschen fängt irgendwann an zu stinken...


    Jetzt habe ich selbst seit drei Tagen meine erste Azubine, die ich mir sehr gut ausgewählt habe. Und ich möchte Ihr wiederum als vorbildhafter Ausbilder für ihre berufliche Zukunft positiv im Hinterkopf bleiben.

    Ich drücke Dir für Deine Stellenbesetzung die Daumen und hätte mich vor 10 Jahren von Herzen bei Dir beworben.

    Hochachtungsvoll,

    der Biernatowski

    AntwortenLöschen
  4. @ Fabian - das hat Sie verdient...

    AntwortenLöschen
  5. Ich kaufe ein "s" für den Commi :)

    AntwortenLöschen
  6. Yvonne, das habe ich vorher nachgeschlagen und gebe Dir nur bedingt recht. Französische Schreibweise ist Ursprünglich mit "s. Aktuelle, die am meisten verwendete und von einigen Quellen empfohlene ist ohne S.

    Google hat es ca. 230 000 mal mit S, 1,8 Mio ohne.

    Soweit ich das verstanden habe ist beides möglich und ohne S derzeit am verbreitetsten ... Lasse mich gerne belehren und kaufe dann ein "S"

    AntwortenLöschen
  7. Mit "s" sieht der Commi - dann ja als Commis - aber irgendwie eleganter (eben franzöisch!) aus. Commi (ohne "s") sieht dagegen nach ner abwertenden Kurzbezeichnung wie Azubi o.ä. aus. Wobei der Azubi heutzutage nicht mehr abwertend behaftet ist. Was das für Auswirkungen auf das Bewerberprofil hat?

    Zudem schreibt ihn DAS deutsche Barmagazin mit "s". Die Gründe dafür sind mir allerdings nicht bekannt. Vielleicht "Alte Schule". Schreibt man die nun "School" oder "Skool" oder "Skol"? - Oder war mit Letzterem was anders gemeint?

    ...Ich schweife aber ab. Zur Güte kauft sich Herr Meyers (!) vielleicht ein stummes "s" und trägt dieses dann beim anstehenden BCB als Kurzreferat vor.

    Es grüßt mit einem feinen Cuba intus in freudiger Erwartung - SKOERPERs

    AntwortenLöschen