21.11.2011

"Neulich, an der Tür..." - Hoffnung in Sicht?

Gestern Abend öffnete ich zum ungezählten male die Tür. Das rote Licht forderte seit einer Stunde ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Bar war voll. Sehr voll.  Es gab undefinierte zweite oder dritte Reihen stehender Gäste an der Bar. Es war irgendwo um halb zwölf. Permanent kamen Gäste aus den Restaurants der Stadt zum Le Lion für Ihren geplanten, aber natürlich unangemeldeten, Digestif. Und permanent versuchte ich mit größter Freundlichkeit und höflicher Bestimmtheit die Gäste an diesem Vorhaben zu hindern.

"Die Bar ist leider bereits zu gut besucht, im Moment kann ich Sie und Ihre  (3,6,9!) Gäste nicht mehr einlassen. Gerne rufe ich Sie zurück, sobald etwas frei wird."

Kurzform der üblichen Tür Gespräche.

In der Regel sind die Antworten Unverständnis zumindest Misstrauen. "Wirklich?" ...  manchmal schnelle, patzige Reaktionen. Kopfschütteln, Abwinken bis hin zu Beleidigungen "Solche arroganten Clowns wie Euch Affen braucht doch eh keiner...".

Ich habe aufgehört,  zu argumentieren bzw. darauf zu antworten. Ganz selten kriegen Sie mich noch. Aber wirklich selten. Alle paar Monate vielleicht einmal. Dabei liegt es gar nicht daran wie aggressive und verletzend man beleidigt wird, sondern eher daran, ob ich mit mir im reinen bin.

Wenn mich nichts ungeplantes aus der Ruhe bringt, prallt jede noch so dumm, dreiste Beleidigung an mir ob. In der Regel ist es recht einfach, zeigt es doch eher wie klein die Welt unseres aggressiven Gasts ist.  Der Horizont dieser vorschnellen Kritiker ist einfach sehr begrenzt. Ihnen fehlt die (Bar relevante) Lebenserfahrung. Hinzu kommt: Sie sind gekränkt und haben nie gelernt damit umzugehen.

Vor kurzem gab es in einem bei Bartender bekannten Magazin einen Artikel über Drogen in der Bar, bzw. zum Thema Kokain. Die Wellen in der Diskussion schlugen hoch, dabei erscheint es mir doch eher eine Droge von minderer Bedeutung zu sein. Eitelkeit und Begehrlichkeit sind die Drogen der Nacht. Mit Ihnen dealen wir. An der Bar und an der Tür. Und viele sind davon abhängig, einige sogar masslos. Darüber sollten wir Bartender reden. Nicht über diese paar erbärmlichen Gestalten die Ihr tristes Nachtleben mit ein paar Gramm Koks wieder nach vorne bringen wollen. Denn Ihr süchtiges Ego ist doch am Ende des Tages auch nur abhängig nach Eitelkeit und Begehrlichkeit. Kokain ist da zweitklassiger Zuarbeiter - aber ein anderes Thema.

Gestern Abend nun, öffnete ich erneut die Tür und vor mit standen acht Gäste. Ich begann mit aller Höflichkeit deren ausweglose Situation bezüglich des sofortigen Besuchs des Le Lion darzulegen und wurde gleich unterbrochen.

"Kein Problem - können Sie uns anrufen sobald wieder was frei wird, wir gehen solange "ums Eck"?"

???

Wie jetzt? So einfach? Sehr angenehm! Und am Ende des Tages hätte es mich nicht verwundern sollen. Denn schließlich zelebriere ich das bei nahezu jedem Auslandsbesuch. In New York und London, gerade in kleinen Bars, gar nicht anders machbar. Und die nächtliche Crowd in diesen Bar-affinen Städten ist da auch immer recht professionell im diesbezüglichen Umgang. Ganz im Gegensatz zum am Wochenende gehäuften provinziellen Umgang in deutschen Großstädten.

Es sei ganz dringend erwähnt, das dieses Phänomen in der Regel am Wochenende auftritt und echte Löwe Stammgäste diesbezüglich natürlich absolut professionell agieren. Nur schwämmt das Wochenende selbstverständlich (und das ist auch gut so) immer wieder neue Gesichter und Besucher in die Bar. Aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, wir bewegen uns langsam vom Fleck.

Denn nicht nur die achter Gruppe gestern hat im Bar-Profi-Style reagiert (und ich konnte sie nach 25 Minuten zurückrufen). Es passiert mir in letzter Zeit öfter an der Tür, das unbekannte Gäste verstehen worum es geht und wir diese dann später doch noch zu uns ins Le Lion holen können.

Ich weiss nicht wie es an den anderen Bar-Türen des Landes aussieht, aber ich habe Hoffnung. Mehr und mehr bekommt eine Bar und deren Besuch eine bedeutungsvolle Gewichtung für die Wochenendplanung der Gäste. Die Begehrlichkeit wächst.  Als verantwortungsvolle Dealer, wissen wir damit umzugehen. Immer schön freundlich bleiben, auf beiden Seiten.