28.07.2012

Trinken - In Hamburg - Teil 1

Vor einigen Wochen, Ende Juni, hatte ich einen Samstag Abend in Hamburg sozusagen "frei". Das ist selten und rar bei meinem Beruf.

Wir nutzten den freien Abend um einem Bekannten, der in Kürze nach Hamburg zieht, ein wenig von Hamburg zu zeigen. Es waren die ersten schönen Sommer Abende im Jahr und wir entschlossen uns, am  späten Nachmittag, mit einem Fahrrad bewaffnet, ein wenig das Hamburger Nachtleben zu erkunden. Aperitife und Dinner gab es in der Altstadt. Langsam aber sicher zog es die kleine Rad-Reise-Gruppe Richtung Schanze. Das Wetter war erstklassig und die Stimmung schrie geradezu nach einem Bier, im Freien, unter Menschen! Sprich: dem Schulterblatt.

Auf dem Weg dahin störten nur diese zu tausenden angereisten Herren. 50+ und Mitten in der midlife crisis. Auf  ihren amerikanischen Mofa's waren Sie zum Zahnarzt oder sonst einen Freiberufler - Kongress angereist und verpesteten seit zwei Tagen die Akustik meiner Stadt mit Ihren peinlichen Gefährten - nun denn.

Die Schanze bot das erwartete Bild. Und erstaunte unseren Gast erwartungsgemäß. Tausende von Menschen flanierten und sassen auf der geschaffenen Piazza und genossen das gute Wetter und die Gastronomie. Hinzu kam: Es war Samstag Abend und auf allen voll besetzten Terrassen schauten die Gäste einem der letzten EM Spiele zu. Glücklicherweise fielen ein oder zwei Tore. Diese entspannte und dennoch Fußball begeisterte Geräuschkulisse war nicht von dieser Welt.

Wir ließen Anfangs die voll besetzten Restaurantterrassen aus und tranken in den Bars ein Bier. Ich genoss diese einmalige Atmosphäre, das unbeschreibliche Gewimmel aus wirklich bunt gemischten Menschen. Ich erkannte ein paar Gäste des Löwen. Hier und da ein anderes Gesicht. Alle waren entspannt. Es wurde dunkel, der Fußball war vorbei, tausende Menschen blieben auf der Strasse. Die Stimmung einzigartig. Summer in the City!

Ich dachte mir: Mensch Meyer, du warst lange nicht mehr hier. Gut, sicherlich, mehrmals Mittags, zumindest in den Seitenstrassen. Aber Abends ? Am Wochenende? Im Sommer? Lang, lang ist es her.

Ich genoss diverse unterschiedliche Biere, immer Flasche, und ließ meine Gedanken schweifen. Glücklicherweise hatte der Rest der Gruppe sich viel zu erzählen und so fiel es gar nicht auf, das ich mein Bier genoss, die Szenerie beobachtete und mir so meine Gedanken machte.

Die Schanze, insbesondere das Schulterblatt, zählt denke ich zu den "großen" Ausgeh-Bezirken unserer Stadt. Das Menschenaufkommen, dessen Mix und die Stimmung sind beeindruckend, Das Publikum:  legere, locker, cool, hipster, alternative, bunt gemischt  alles und nichts. Anzugträger eher eine absolute Seltenheit. Auch ich war an diesem Abend "undercover" - also ohne einen meiner geliebten Anzüge. Und das war auch gut so.

Die Gastronomien am Schulterblatt gelten für den Laien als Goldgrube. Der Betrieb, bzw. die "Fülle" pro Abend wird glaube ich nur von einigen Ecken im Rotlichtbezirks übertroffen. Und ich habe für mich überlegt: Würde ich gerne einen Laden hier betreiben?

Nach zwei bis drei Analyse Bieren stand meine Entscheidung fest: Nein. So charmant so ein Besuch auf der Schanze auch ist, er sei ausdrücklich jedem empfohlen, so wenig ist das dauerhaft etwas für mich. 

Ich habe versucht einen Unterschied zwischen den Läden festzustellen. Sicherlich, wer genau hinschaut findet einiges. Nur so für mich, an diesem einem Abend, wirke alles sehr ähnlich. Was mir fehlte, ist Gastronomische Vielfalt. Man möge mich nicht falsch verstehen: Es gibt Cafés, Kneipen, Bars, Italiener, Spanier, Currywurst etc. Aber doch, gerade was das trinken angeht, alles sehr dicht beieinander. Für so einen alten dicken Kellner wie mich.  Wahrscheinlich auch oder insbesondere der Fülle wegen.  Flaschenbier - immer unter 3,00 €. So in meiner Sommerlaune wirkten, vereinfacht gesagt, alle Läden gleich. Soundtapete, Bier, ab und zu ein brauchbarer Longdrink. Das war's. Wo war der USP? Wo der Unterschied, der Grund, außer der Lage, das sich der Gast genau entscheidet einzig und allein in diesen einen Laden zu gehen. 

Wir zogen weiter zu einem alten Klassiker: der Bar Rossi, am Ende des Schulterblattes. Der Laden war gut gefüllt, hob sich angenehm vom der Biermeile am Schulterblatt ab und servierte ein paar ordentliche Longdrinks.

Als wir hier aufbrachen wurde ich unerwartet  daran erinnert, was für ein hartes Geschäft unser Gewerbe ist. Es war Samstag Abend, mittlerweile kurz nach Mitternacht, die Schanze immer noch mit tausenden Menschen auf der Strasse gefüllt, die Bar Rossi sehr gut besucht. Ein ganz paar Schritte weiter traf mich dann der Schreck. Wir gingen an einer Bar vorbei, von der ich immer schon gehört hatte. Nur Gutes. Von den Kollegen. Und ich hatte es bislang noch nicht geschafft. Anfang des Jahres neu eröffnet. Gute Drinks, gut eingerichtet etc. Aber:

Kein Gast. Nicht einer. Um halb eins. Am Wochenende. Das tut weh. Und 30 Meter weiter tummeln sich die Menschen. 

Nun den. Wir fuhren Richtung Ottensen und hielten noch ein paar mal auf ein kleines Bier an. Und irgendwie zogen sich diese Art "Flaschenbier-in-der-Hand-und-alle-stehen-rum-aber-warum-nochmal-genau-hier?"Läden bis tief nach Ottensen hinein. Vielleicht lag es am Wetter.  Aber es geht ja nicht immer um den Laden, die Bar. So genoss ich die Stimmung, die kühlen Biere und die erstklassige Gesellschaft.

Und so kurz nach zwei fiel es mir ein! Wer Ottensen kennen gelernt haben will, kann das nur von sich behaupten, wenn er das BLAUE BARHAUS besucht hat. Auf ging es...

Schon wenige Sekunden nachdem ich mein Fahrrad angeschlossen hatte und die Tür des skurrilen blauen Hauses öffnete, überkam mich ein gutes Gefühl. Ich betrat den ersten "echten" Laden an diesem Abend. Eine Bar. Gut gefüllt. Mit komplett unterschiedlichen Gästen und eigenwilligerer Musik.

Es gab eine anständige Getränkekarte und mir wahr plötzlich danach, was ich eher selten mache, Cocktails zu trinken. Irgendwie wirkte hier alles vertrauenserweckend. Wir bestellten Drinks, drei Runden, und alle waren erstklassig.

Die Suche nach einer anständigen Bar war an diesem Abend langwierig, aber ja auch nicht gefordertes Ziel. Dennoch somit für mich ein guter Abschluss.

Das Blaue Barhaus ist ein der Klassiker in Hamburg Ottensen. Eine Stadteilbar, wie Sie perfekter in Ottensen meiner Meinung nicht sein könnte. Wer im Kopf nicht über seine Stadtteilgrenzen hinweg kommt, sollte besser nicht hierhin kommen. Als ich vor nicht ganz 20 Jahren nach Hamburg kam, servierte das Blaue Barhaus  die ganze Nacht Happy Hour Capirinhas in 0,6 ltr Gläsern - und ich trank nicht wenige davon !

Und ich hatte großartige Zeiten schon in meiner Ausbildung. Heute betreibt ein ehemaliger Stammgast meiner alten ATLAS Bar das Blaue Barhaus. Markus Kohn. Es hat sich viel geändert. Gut so. Was sich nicht geändert hat, ist der persönliche Charme des Hauses. Das Blaue Barhaus ist eine von mir leider zu oft vergessene Bar. Zu unrecht. Sie hat Herz und Seele, sehr gutes Personal, Geschichte und gute Drinks. Was will man mehr? Ich zumindest nichts...

 

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Links:

BLAUES BARHAUS

Große Brunnenstrasse 55

Hamburg / Ottensen

www.blaues-barhouse.de

 

Cocktailors - Markus Kohne

Corporate and Private Bartending

www.cocktailors.de