28.02.2015

Eine neue Bar in Berlin: Lost in Grub Street: Big Bowls. Short Drinks. • Über GERMAN GIN - und was nach Gin kommt - zumindest für mich.

tl:dr In aller Kürze: Ich war am letzten Sonntag in Oliver Eberts neuer Bar in Berlin trinken. LOST IN GRUB STREET. Mir hat es sehr gut gefallen. Sie sollten diese Bar besuchen. Allerdings müssen Sie Ihre Vorstellungen von einer "Bar" zuhause lassen. Einen Gin Basil Smash finden Sie dort nicht. Auch Ihren Lieblings Gin Tonic werden Sie sehr wahrscheinlich nicht finden. Es gibt keine Shaker. Ach ja, und auch keine Bar! Ich hatte einen großartigen Abend. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird diese Bar insbesondere dem einen oder anderen "Berliner" nicht gefallen. Sie hat nichts zu verschenken und verschenkt doch nahezu alles. Sie ist schön. Und Hochwertig. Und liegt zentral in Mitte. Sie ist ruhig und edel. Und ungewöhnlich. In ihr kann man sich verlieren, wenn man in der Lage ist, aus seinem Erwartungskonstrukt auszubrechen. Wenn Sie so ein zugezogener Hamburger wie ich sind, wird Ihnen dieser Bar aller Wahrscheinlichkeit nach gefallen. Vielleicht liegt meine Liebe für die LOST IN GRUB STREET auch einfach daran, das Oliver und ich in echten KORN Regionen aufgewachsen sind und gutes Handwerk zu schätzen wissen. Es folgt hier nunmehr ein Text meines Besuches im versuchter epischer Breite. Falls Sie keine Zeit für soviel Zeilen haben, nehmen Sie sich zumindest die Zeit das LOST IN GRUB STREET zu besuchen. Und lassen Sie Ihre Stereotypen zu Hause.



LOST IN GRUB STREET
täglich 18.00 Uhr
Jägerstraße 34
10117 Berlin

Tel: +49 30 20603780
info@lostingrubstreet.de

www.lostingrubstreet.de



Selbst ein Glas Böckenhoff's Edel Korn schmeckt in der GRUB STREET besser...




Sonntag Abend - Endlich in Berlin. Ich brauchte einen Drink. Dringender als ich bei Beginn meiner Zugreise erwartet hatte.

IC 1717 stand fast zwei Stunden in Hamburg am Gleis. Die nicht zu beneidende Schaffnerin wurde nicht müde stets freundlich den sichtlicht genervten Reisenden die immer gleiche Frage zu beantworten. Dafür gebührt Ihr Lob. "Person im Gleis Bett" sagt das DB APP.  Suizide am Sonntag. Im Abteil war es nicht mehr auszuhalten.

Also stand ich an der Tür, hatte mein Rollkoffer zum Notsitz umfunktioniert und genoss die "Frischluft" - zumindest das, was die Hamburger Bahnhofshalle davon übrig lies. Die Kopfhörer waren im Ohr, das digitale Device immerhin noch zu gut 50% geladen. Ich hörte einen Podcast und beobachtete Menschen. Und diese heldenhafte Schaffnerin. Innerlich hatte ich mich bereits mit Ihr "verbrüdert". Es gibt gewisse Parallelen zwischen Schaffnern und Bartendern. Oberflächlich würde man diese Berufe der Kategorie Dienstleistung zuordnen, als Profi auch oft dem katastrophalen Umgang vom "Kunden" mit "Dienstleistern". Zu beobachten wie heldenhaft und stets gut gelaunt diese Dame einen Dummen Spruch nach dem anderen einsteckte und nichts an sich ran liess war beeindruckend. Allein zu sehen wie unfreundlich, gehetzt und egoistisch sich Menschen in solchen Alltagssituationen verhalten, erschreckend.

Ich brauchte einen Drink.

Die Türen schlossen sich und der völlig überfüllte IC-Wahnsinn startete nach Berlin. 100 Minuten Reisezeit, auf den Gängen pressten sich die Reisenden, die Laune sank, die zwischenmenschlichen Verfehlungen nahmen zu. Ich schaltete von Beobachten auf Abschalten, drehte die Lautstärke des "Device" auf und schloss die Augen. In Berlin angekommen war eines klar:

Ich brauchte einen DRINK!

Zum Glück war das eigentliche Ziel dieser Reise ein Besuch einer neuen Bar. Ich erhielt von Oliver Ebert vor ein paar Tagen eine Nachricht. "Bist du zur Berlinale in Berlin? Wir eröffnen eine neue Bar...". Leider rief die Arbeit im eigenen Haus. Ein paar Tage später hatte ich es jetzt geschafft. Natürlich "undercover" - ohne Anmeldung. Sonntag Abende sind perfekt für so einen Bar Besuch.

Ich machte mich auf ins LOST IN GRUB STREET. Ich hatte nach Olivers Nachricht schon mal im Netzt geschaut und mir seine Karte studiert. Und bei dem wenigen was es zu lesen gab, bekam ich das erstmal seit langem wieder Neugier auf eine neue Bar. Das MUSSTE ich mir anschauen! Diese kleinen Dinge in Verbindung mit dem was Oliver und seine bezaubernde Frau Christina in den vergangenen Jahren in Berlin in ihrer Bar BECKETTS KOPF geschaffen hatten, konnten nur Neugier wecken. Denn was aus dem Hause Ebert/Neves kommt, ist bekanntermassen höchstes Niveau.
LOST IN GRUB STREET ist ein Ort der Trinkkultur, in dem es darum geht, die Zeit zu verlieren. In Gemeinschaft um riesige Punch Bowls oder vor Cocktail-Miniaturen.
Das Impressum verriet das Oliver bei dieser Bar einen Partner mit im Boot hat. Werner Schmid. Und das seine Liebe zum Detail nicht vor profanen kaufmännischen Zwängen halt macht.  Name der Gesellschaft: Gastronomie Gesellschaft Wert und Schöpfung mit beschränkter Haftung.

Ich war gespanntB was mich erwartete. Alles andere als eine "normale" Classic Bar. Soviel war klar. Ich sass im Taxi und fuhr Richtung Jägerstrasse 34.

"Ich bin kein Berliner!"

Berliner, zumindest solche die in der Regel nach außen als Berliner wahrgenommen werden oder wahrgenommen werden wollen, sind lustige Gesellen. Diese "Berliner" sind im Normalfall zugereist, wohnen seit ein paar Jahren in der Stadt, reden in jedem dritten Satz von Gentrifizierung und in jedem Satz über Stadtteile bzw. Kieze. Das Lebens eines sog. "Berliners" dreht sich zu 100% um solche Kieze. Mitte, Kreuzberg, Schöneberg, Charlottenburg...

Der gemeine Hamburger versteht das in der Regel nicht. So zumindest ich als zugereister Hamburger. Und es interessiert uns nicht. Dieses Stadtteildenken mit all seinen Kliesches und vermeintlichen Behaftungen ist kleingeistig. Das liegt uns nicht.

Das einzige was man als Hamburger wissen muss: Wenn Sie in Berlin Taxi fahren, sollten Sie zum Strassennahmen auch die PLZ bzw. den Stadtteil kennen. Einige Strassennamen gibt es in Berlin nämlich doppelt. Wenn Sie dann noch die charmante Berliner Schnauze und die speziellen Geflogenheiten der echten Berliner Taxifahrer mit Humor nehmen ("Hör'n se ma uf mit "Karte" - Bahrjelt lacht Meester!") steht einer gastronomischen Entdeckungstour in dieser Stadt der großen Vielfalt nichts entgegen.

Ich fuhr also nach "Mitte". Um die Ecke vom Auswertigen Amt. Knapp 100 Meter Luftlinie vom Hotel Du Rome. Großstädtische Architektur. Berlin einmal nicht "abgefuckt". Ich mag das. Die vermeintlich "echten" Berliner haben da immer ein Problem. Sie nennen so etwas Öde und Langweilig. Mir gefällt das. Ein klein wenig Hamburg. Nur in groß. Eine echte Metropole halt. Bei aller liebe zu Hamburg kann man das natürlich nicht vom "Tor zu Welt" behaupten. "Törchen" wäre recht - soviel Aufrichtigkeit muss sein.

Ich steige also aus dem Taxi aus und fühle mich ein klein wenig wie in Hamburg. Durch dunkles Glass erkennt man eine dunkle Bar. Eine schwere Tür wird mir geöffnet, ich betrete die Bar und weiss genau in diesem Moment das ich heute Abend keine andere Bar mehr besuchen werde. Es ist dunkel, schwer, elegant, edel, modern. Jazz trägt mich an meinen Tisch. Endlich denke ich. Endlich wieder mal eine Bar in Berlin, jenseits der großen Hotels, die aufwendig und edel gefertigt wurde.

Eine Bar lebt von Ihrem Gastgeber, den Bartender und Ihren Gästen. Sie formen die Atmosphäre. Das kann reichen. Und ich mag auch diese Bars die eventuelle mit weniger Budget aber viel Herzblut mit diesen drei Komponenten betrieben werden. Aber zur dem genannten Trio kann sich auch als Vierter Protagonist  "Edel und gutes Design" schmiegen. So wie hier.

Diese Bar ist jung. Sonntags fast leer. Das Trio hat sich noch nicht ganz formiert. Das braucht Zeit. Aber ich geniesse schon das schwere, dunkle Design. Und entdecke Rainer. (Sie wissen schon, den Steve McQueen der Restauranteure). Am Tisch. Eigentlich würde er immer an der Bar sitzen. Aber es gibt ja keine. "Warum auch nicht?" denke ich. Ich sehe ein Glas Pale Ale vor Rainer. "Muss das Heidepeter sein". Schließlich hatte ich die übersichtliche Karte vorab gelesen und hatte einen diabolischen Plan geschmiedet. Ich wollte heute Bier und Schnaps trinken! Und freute mich, das mein Trink-Genosse Rainer schon auf der richtigen Spur war.

Das Lost in Grub Street verkauft primär Brände und Destillate  von kleinen handwerklichen Betrieben aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Und befriedigt damit ein wachsendes Interesse von mir.

Ich bekomme dauernde diese fragwürdigen Anfragen - "Was ist der nächste Trend, nach Gin? Wermut?". Ich beantworte diesen Quatsch nicht mehr. Trends sind Humbug. Aber der nächste "Trend" ist klar. Obstbrände und Destillate. Nur diejenigen, die in der Regel nach "Trends" fragen, werden das eh nicht verstehen. Also behalte ich es für mich. Und trinke immer mehr davon und mit immer größerer Freude.

"Lüt und Lüt".

Dazu gerne ein gutes Bier.  Wenn zu finden, dann  eines was von sich selber nicht dauernd als Craft Bier spricht und heisse Luft in die Blase bläst. Man sollte gutes, handwerklich gefertigtes, gerne regionales, Bier trinken. Jede Falsche die neben den großen Internationalen Produzenten hergestellt und verkauft wird ist eine gute Flasche. Und viel mehr muss über Bier in meiner Meinung auch nicht geredet werden.  Aber ein gutes Bier passt gut zu Obstbränden und Destilatten. Ohne Frage. Also bestelle ich ein Berliner Pale Ale und eröffne mit 2 cl der Schwarzwälder Bergaprikose aus der Stählemühle. Für geschenkte 15,00 €. Würde ich Oliver Ebert nicht kennen, bliebe die Frage ob diese neue Bar eine Art gemeinnützige Schulverein zur Förderung besseren Trinkens sein sollte. Weil Ihr guter Stoff geradezu verschenkt wird.  Die eine oder andere Berliner Bar versucht  sich in der Tat an so fragwürdigen Vereinskonstrukten um in erster Linie Steuern etc. zu umgehen. Aber natürlich kein Oliver Ebert. Guter Kaufmann, gute Kalkulation. Mögen die Gäste verstehen welche Schätze Ihnen hier zu fairen Preisen serviert werden

Ich genieße nun also mit Rainer unseren Lüt und Lüt 2.0. Als Niedersache geschult in dieser Kombination. Ursprünglich 0,2 Pils und alter Korn. 20 Jahre später Handwerks-Bier und Welt beste Destillate. Rainer trinkt einen Lavendelgeist, ebenfalls von der Stählemühle.

Die Stählemühle ist schuld. Besser gesagt Christoph Keller. Schuld an allem. Auch an meinem "neuen" Trend. Angefangen hat es mit Gin. Den Herr Keller hat den Monkey 47 kreiert. Die Idee zum Monkey Gin ist als Produkt meines Wissen nach die vom geschätzten Alexander Stein. Ohne Ihn wäre Monkey sicherlich nie so populär geworden wir er heute ist. Denn dazu gehört sicherlich mehr als der reine "Saft". Aber der Saft muss halt auch schmecken und dieser Affen-Saft wurde von Herrn Keller komponiert. In der Stählemühle. Ob er heute noch dort produziert wird, ist ob der Mengen und der "Größe" der ursprünglichen Stähle Mühle Destillier Apparatur schwer zu beantworten. Aber in kurze wird Monkey eine eigene Destille im Schwarzwald eröffnen. Man darf gespannt sein. Ich freue mich drauf. Und freue mich das der Siegeszug des Affens ungebremst ist. Global.

Denn Stein und Keller haben es verdient. Und Sie haben nach meinen Verständnis die eigentliche und echte Revolution im Gin vorangetrieben. Die Fertigung von Gin nach handwerklicher Destillations Kunst auf kleinen Obstbrand anlangen. Mögen die alt, ehrwürdigen Häuser aus England immer die Tradition gewahrt haben. Mögen die sogenannten "New Western Gins" wie Hendricks, Martin Miller etc. die Ginvolution weiter voran getrieben haben. Und ich mag Sie alle. Aber Christoph Keller hat eine Kategorie erschaffen, die es bislang im Sprachgebrauch noch gar nicht gibt, aber die meiner Einschätzung nach sich fest in die Hirne der Gin-Liebhaber brennen wird. Den GERMAN GIN. Gin aus Deutschland. Handwerksgin von Obstbrennern und Destillateuren. Echte Kunst. Sicherlich ist dieser Begriff ungerecht. Den in der Schweiz und Östereich gibt es ebenso fantastische Brenner. Vielleicht schaffen wir eine sprachliche Differenziertheit, die das wieder gibt. Ich befürchte nur, das es eine so schöne Alliteration ist und der Mensch zu Vereinfachung neigt, wird GERMAN GIN in irgend einer Form bleiben. Und Keller und Stein sind schuld. Das ist ungerecht. Denn Sie waren nicht die ersten die Gin nach dieser Methotik im GSA Land produziert haben. Aber die Besten und Erfolgreichsten. Punkt.

Und mit den Wegbereitern kommt die Vielfalt. Und das ist gut so, auch für die Wahrnehmung von German Gin. Und die authentischen, echten werden bleiben. Stephan Garbe mit Gin Sul aus Hamburg zum Beispiel. Handwerkskunst, kombiniert mit Lokalität und Persönlichkeit.

Doch zurück zur Stählemühle. Dem Ursprungs Ort von Monkey 47. Wem der Gin gefällt, sollte sich einmal mit der Geschichte von Christoph Keller und seinen Stähle Mühlen Produkten befassen. Und plötzlich wird klar das GERMAN GIN nur eine Art und Weise guter, Obstbrand ähnlicher, Destillations Kunst ist. Ich trinke Monkey Gin mittlerweile am Liebsten gut gekühlt, zur Not auf einem Stück Eis. Weil er perfekt ist. Zum pur trinken. Sicherlich, er hat die Kraft auch in dieser Tonic Limonade zu dominieren. Und gemixt ist er, richtig verwendet, auch exellent. Aber pur ist er mein eigentliches Vergnügen.

Und da ist es die logische Schlussfolgerung das wir bei Obstbränden & Edel Destillaten enden.  Beziehungweise Sie die nächste Station meiner lebensumfassenden Trink Reise sind. Die finale Station des GIN-Jounrey.

Übrigens schmecken viele Obstbrände ganz fantastisch mit Tonic. Falls Sie sich "pur" nicht trauen sollten sozusagen. Für den Einstieg.  Den ohne Tonic wäre Gin plötzlich nicht in aller Munde. Doch ich verabschiede mich langsam von Gin & Tonic. Niemals ganz. Er ist mein flüssiger Begleiter, seit ich urban Trinke, und wird es immer bleiben. Nur mag ich Gin Tonic kernig. Wachholdrig. Ehrlich.

Und viele von den modernen Gin Sorten, gerade die änständigen, handgemachte GERMAN GINS, sind zu gut gemacht, um Sie immer mit Tonic zu trinken. Und wenn man sich dann z.B. mit der Geschichte von der Stählemühle und der Art und Weise wie Christoph Keller destilliert, beschäftigt, erkennt man, das Monkey 47 Gin nur ein sehr kleiner Teil des Möglichen ist. Die handwerkliche Perfektion und Gedanken hinter den Stählemühle Produkten können Sie als professionellen Trinker nur reizen und in die Welt des Destillates ziehen.

Und nun sitz ich hier, mit Rainer in einer dunklen edlen Bar in Berlin und trinke ein Destillat nach dem anderen. In Ruhe. Und natürlich nicht nur von Keller. Hiebel. Liebl. Schätzlehof, Schulten's Siedlerhof. Denn selbstverständlich ist Keller nicht allein. Es gibt viele sehr gute Destillateure. Und viele machen das auch schon länger als Keller. Aber Keller und Stein haben die Brücke geschlagen. Von handwerklichem Gin zu echter Destillationskunst. Ich wandere mit Freuden auf dieser Brücke und hoffe das noch der eine oder andere Gin Freund auch mal sein Tonic auf der einen Seite der Brücke stehen lässt und wir uns auf der anderen Seite zuprosten.

Auf dieser Seite der Brücke fliegen erstmal viele kleine Gläser um mich und Rainer. Auf dem Tisch steht eine Flasche Gin Sul. Ein Gastgeschenk zu Eröffnung. Einer der Bartender hat uns nach unserer Ankunft heimlich bei Inhaber verraten. Oliver Ebert ist gekommen, begrüßt uns, trinkt mit uns. Großartig. Er nickt wohlwollend ob der Destillationskunst der Hamburger. Es werden die nächsten Destillate gereicht. Hiebl's "Limoneras Birne" erreicht meine Geschmacksknospen und ich verliebe mich. Was für ein Tropfen. Er zergeht zart auf der Zunge wie der feinste Williams Sour der je gemixt wurde.

"Warum mixen wir das eigentlich noch?" denke ich beseelt. Und genau damit wird auch klar, warum Destillate wahrscheinlich die Popularität von Gin & Tonic nicht erreichen werden. Zum einen ist das eigentliche Vergnügen beim Gin & Tonic natürlich das Fachsimplen über all die Gin und das zu kombinierende Tonic. In Kombination mit Glasform, Eis und eventuellen Zugaben wie Zesten etc. gibt es da einfach einen bunten, unterhaltsamen Setzbaukasten. Nichts was fertig ist. Der Gast kann rumspielen. Und das ich auch gut so. Obstbrände/Destillate mit Tonic schmecken ganz fantastisch. Bei "einfacheren" Qualitäten finde ich es erfrischend.  Aber wer Tonic auf ein gutes Edel Destillat macht vielleicht auf etwas falsch. Und gute Destillate sind teuer. Eigentlich werden Sie selbst von den Produzenten verschenkt. Aber Sie haben Ihren Preis. Sie "wirken" teuer und sind dabei oft Geschenke. Muss man verstehen. Und natürlich mögen. Aber Edel Destillate zu Mixen wird aus diesen Gründen nicht die Regel werden. Die "Limoneras Birne" versöhnt mich damit.

Und so sitze ich, ganz im Glück, mit Rainer und Oliver um einen Tisch. Pale Ale und Destillate beflügeln uns. Ein Bartender rollt den Barwagen an den Tisch, den PUNCH WAGEN und serviert uns eine Mischung aus Destillaten. Kleines Glas, großes Vergnügen. Wir reden und reden. Und trinken und trinken. Und ich habe einen schönen Abend. Einen ganz fantsatsichen. Bin verliebt in Destillate und Olivers neue Bar.

Neben den Destillaten gibt es in der Bar eine sehr kleine Auswahl von gemixten Drinks und das Vergnügen gemeinsam PUNCH BOWLS am Tisch zu genießen. Zubereitet vom Wagen, am Tisch. Sehr beeindruckend, aber es bleibt bei unseren einem "mixed" Drink. Heute wird pur getrunken.
Ich wünsche mir, das das ungewöhnliche Konzept von genug Gäste wertgeschätzt wird.

An diesem Abend kommen nur ein paar Gäste. Es bleibt ruhig. Eine Gruppe von 8 um Mitternacht. Etwas aufgekratzt. Reisende der Nacht. Sie interessieren sich nicht für das Konzept. Muss man ja auch nicht. Blick auf die Karte - Frage an den Barkellner. "Seid Ihr hier jetzt so Gesundheitsmässig oder so - mit diesem ganzen Kram hier ... Hmmm". Der Kellner erinnert mich an die Bahnschaffnerin. Mit stoischer Gelassenheit nimmt er das, pardon, "dumme Gelaber" hin, bleibt freundlich, gewinnt die oberflächlichen Gäste für sich. Es fliesst schließlich Champagner und ein Gin Tonic. Sie sitzen und es wird gelacht. Vielleicht wird es Ihnen doch auf Dauer gefallen. Vielleicht nicht. Die Zeit wird es zeigen.

Muttiges Konzept. In Kombination mit "keiner" Bar finde ich es doppelt mutig, bietet das Möbel "Bar" doch oft Zeit und Raum für notwendig Erklärung, dort baut man oft eher Vertrauen auf und gewinnt Gäste für das Haus.

LOST IN GRUB STREET wird in der Regel keine Alltags Bar für jeden Tag. Aber eine Bereicherung für die Stadt. Und das mutigste was jemand meiner Meinung nach seit langem in Berlin eröffnet hat.

Wir trinken Champagner. Billy Wagner hat den für seinen Freund Oliver ausgesucht. Die Berliner haben Billy in der Weinbar Rutz lieben gelernt. Und jetzt hat er ein außergewöhnlichens Restaurant eröffnet. NOBELHART UND SCHMUTZIG. Sicherlich als Restaurant Konzept die mutigste Eröffnung der Stadt. Ich wäre gerne vorab dort Essen gegangen. Aber Sonntags geschlossen. So habe ich doch noch was von Billy serviert bekommen: guten Champagner.

Wir bestellen Stullen. Unglaubliches Brot mit deutschen Käse und eingelegtem Obst. Dazu eingelegte Rote Beete. Auch ohne Restaurant wird der Abend Nobel, Hart und gleich auch Schmutzig.
BRUTAL LOKAL ist die Devise des Restaurants. Und irgendwie auch bei LOST IN GUB STREET.

Einer guter Abend neigt sich dem Ende. Oliver Ebert und ich stellen fest, das wir Beide aus den großen, wahren Korn Regionen dieses Landes kommen. Niedersachen und Westfalen. Oliver serviert einen Schürschluck. Korn aus der Heimat. Nun mehr geschult von den edelsten Destillaten des Landes kann dieser Korn Brenner mithalten. Eine feine Karamelnote aus dem Korn gewonnen. Handwarm. Lecker. Ich denke an ROSCHE Korn und die Heimat. Und diese neuen "Korn ist jetzt cool" Produkte. Nein. Ist Korn nicht. Er wird auch nie Trend. Gott bewahre. Aber gut gemacht schmeckt er. Vielleicht lande ich am Ende meiner Lebenslangen Trink Reise doch wieder bei einem Glas Bier und einen gutem Korn. In vielen Jahren. Ich freue mich drauf, dann auch neben Oliver zu sitzen. Einem sympatischen Westfalen in Berlin, einem begnadetem Bartender und mutigen Unternehmer.

Viel Erfolg der "Lost in Grub Street" - Ich werde mich hoffentlich noch oft in der Jägerstrasse verlieren

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#Edit:

Bevor ich missverstanden werde: Es gibt eine Menge nicht abgefuckter Bars in Berlin. Und ich liebe auch abgefuckte Bars. Zumindest einige. Alles hat seine Zeit. Und ich liebe eine Menge Berliner Bars. Ich liebe eine gute Geschichte. Und Stereotypen in so einer Geschichte...

20.02.2015

Wie ein Drink entsteht: @portweindame #port15




Kennen Sie die Portweindame? Fachlich korrekt wäre @portweindame. Aber wer die Portweindame kennt, weiß das Ästhetik vor fachlicher Korrektheit einzuordnen ist. Also spare ich mir das @. Es geht um Schönheit. Nicht um Twitter oder ähnliche Banalitäten.

Die Portweindame kommt von Zeit zu Zeit in meine Bar, das Le Lion. Sie ist eine Erscheinung. Eine schöne Erscheinung. Eine Schönheit. Und dennoch fällt Sie nicht sofort auf. Sie ist nicht laut, sondern elegant. Sie sitzt oft an der Bar. Immer gut gekleidet. Eine wahre Freude.

Sie sitzt dort im Gespräch mit anderen gut gekleideten Menschen. Dezente Gespräche, minimale Gesten, Ruhe, Eleganz und Klasse. Die Portweindame lebt in Ihrer eigenen Welt. Ich mag diese Welt. Sie nennt sie "das Portweinland".

Zitat Portweindame:


Schöne Kleider, gut sitzende Anzüge, Hüte, Pelz und Cocktails – das Portwein-Land ist ein Land, im dem Stil kultiviert wird. Das ist so oberflächlich!, möchten Sie da vielleicht insistieren. Und Sie haben natürlich Recht, einerseits. Andererseits auch nicht, denn es gibt sie, die Menschen wie mich, die ein Grundbedürfnis nach Schönheit haben. In der Provinz, in der Enge, in „Das haben wir schon immer so gemacht“-Umgebungen gehen wir ein und verkümmern. Wir brauchen die schönen Cafés, große Museen in der Nähe und Clubs, in denen wir sein und tanzen können, wie wir wollen. Die Oberflächlichkeit ist also verbunden mit einem tiefen Bedürfnis.

Morgen, am 21.2.2015 hat die Portweindame geladen. Ins Portweinland. Nach Hamburg. Die Veranstaltung nennt sich "Bei Anruf Port! ... oder Maria Cron. #port15".

Auf dem eben noch banalisiertem Twitter habe ich davon gelesen. Und habe mich angemeldet. Den Hausschneider besucht. Einen neuen Anzug machen lassen. Ein Dreiteiler. Schwarz! Um sicher zu gehen. Smoking oder Frack war nicht herauszulesen. Für einen Stresemann war es deutlich zu spät am Abend angesetzt. Ein Dreiteiler wird es richten.

Den Flieger zu Lobb gebucht. Neue Schuhe waren notwendig. Auf dem Weg zurück zum Airport noch Einstecktücher bei Smith erworben. Rückflug dann über Italien. Gute Krawatten sind Mangelware. Nun war ich bereit. Bereit für einen Besuch im Portweinland.

Und dann geschah es. Die Portweindame wünschte sich einen Drink. Sie werden es nicht glauben: Mit Portwein! Und mir wurde die Ehre zuteil, einen Drink der Portweindame zu widmen.

Seit Tagen nun öffnete ich während meiner Schicht eine Flasche Six Grape Portwein nach der anderen. Und gab Anweisungen an Mario. Mix mir doch mal zwei Teile Port mit einen Teil x und einen Teil y....  Versuche gab es viele. Und es war nicht leicht.

Wir reden hier schließlich von einen Drink der der Portweindame gut zu Gesicht steht. Klasse, Eleganz, Perfektion! Und das mit Portwein. Im Le Lion haben wir lediglich eine Sorte Portwein. Roten selbstverständlich. Wir reden hier nicht von profanem Port und Tonic Getrinke oder ähnlichem -  Gott bewahre! Es geht um Portwein. Klassisch. Rot!

Grahams Six Grape ist ein fantastischer Port. Fein und elegant. Allerdings zum Mixen gar nicht so einfach. Schwerere, süßere, simplerere Tawnys und Rubies würden hier wahrscheinlich oft eher Brilleiren. Aber ich wollte keinen zweiten Port kaufen. Wo kommen wir denn da hin! Ich wollte eine Art Klassiker für die Portweindame kreieren. Und sicher stellen, das Sie in jederzeit im Le Lion bestellen kann. Mit dem feinem elegantem Six Grapes. Nicht diesem süßen Marmeladen Port aus dem Supermarkt Regal.

Und ich mixte. Mario mixte. Wir probierten aus. Ich versuchte Kombinationen mit Rye, Williams Schnaps, Cacao und anderen Kombinationen. Viele!  Einige haben sehr gefallen. Aber ich war nicht zufrieden. Es war nicht elegant genug. Nicht genug Klasse.

Heute Abend mixte ich einen Bentley Cocktail. Ein wahnsinnig guter Drink. Aus dem Savoy Cocktail Book. Kreiert für das Englische Sieger Team beim Rennen von Le Mans. In den zwanziger Jahren. Er enthält Dubonnet und Calvados. Zu gleichen Teilen oder mit einem Hauch mehr Calvados. Und plötzlich hatte ich eine Idee für meinen Portweindame Drink. Die Eleganz eines Bentleys, sozusagen mit Portwein.

Herr Kappes mixte auf Anweisung gleiche Teile Port und Calvados. Das Ergebnis war etwas zu alkoholisch, der Portwein blieb ein wenig auf der Strecke. Ruby und Tawny hätten hier gegen gehalten. Aber der feingeistige Six Grape nicht.

Herr Kappes regte die Beigabe von Peychaud Bitters  an - für jeden waschechten Hanseaten sicherlich der erste Wahl, wenn ein Bitter gefordert wird. Aber es brachte uns nicht weiter. Irgend eine Winzigkeit fehlte dem Drink. Wir versuchten viele Barlöffel von irgendwas. Und kamen nicht vom Punkt. Ich probierte die Mischung. Stundenlang. Ich änderte das Mischungsverhältnis auf 2 Teile Six Grapes zu 1 Teil Calvados. Wow - was für ein Unterschied. Jetzt ein deutlicher Portweindrink. Aber eben auch der feine Geschmack des guten Calvados. Ich wurde zum Jäger. Nach dem Dritten Aroma im Portweindame Drink. Bitter, Amaro, Likör. Alles versucht. Nichts geht wirklich. Viel auf den ersten Schluck besser, beim Zweiten dann eher doch nicht.

Und dann dachte ich: Warum eigentlich mehr? Zwei Zutaten sind Perfektion! Es ist zwar weder effekthaschend noch PR tauglich, aber der Drink hatte alles. Er ist ganz Portweindame. Zwei ehrwürdige  Zutaten, vermählt im Glas. Ohne irgend etwas was ablenkt. Nicht einmal eine Zeste oder ein Bitter. Ganz sicher kein Eiweiss. Keine hausgemachten Sirups. Und ganz sicher kein neuerzeitlicher Humbug wie die Smoking Gun -  Oh nein! Keine Showtime. Sondern ein guter Drink!

Man braucht Mut zu einem Zwei-Zutaten-Drink. Sich damit vor den geneigten Trinker zu stellen bedarf durchaus einer Portion gesunden Selbstbewußtseins.  Und je mehr ich darüber nachdachte, umso besser wurde der Drink. Und je öfter ich diese "simple" Mischung trank,  komplexe Aromen vom feinem Six Grape und ein nicht zu unterschätzender Körper vom gereiften Calvados, desto besser gefiel mir der Verzicht auf mehr.

Ich kam zum Entschluss das ein Portweindame Drink genau so und nicht anders sein muss. Zwei Zutaten. Guter Port und edler Calvados. Irgendwo zwischen Apertive und ausgewachsenem Drink. In einem kleinen Glas serviert. In einer guten Bar. Ich höre Jazz. Und sehe gut angezogene Menschen. Ich nehme einen Schluck und meinem Grundbedürfnis nach Schönheit ist genüge getan.


PORTWEINDAME
2 Teile Grahams Six Grape Portwein
1 Teil Calvados. Domaine de la Vectière, Hors d'age

zubereitet im Rührglas, serviert in einem Cocktail Coupette oder Portwein Glas.





Appendix:

Beseelt von meinen guten Drink wälzte ich alte Cocktail Klassiker. Gab es diese simple Kombination schon einmal? In der 1917er Ausgabe von Hugo Enslins Recipes for Mixed Drinks gab es etwas ähnliches. Der TINTO COCKTAIL. 1 Teil kräftiger Ruby oder Tawny Port und zwei Teile Applejack . Der Name mag eine Hommage an die Heimat von Laird's Applejack in New Jersey sein.