19.02.2013

Zuviel Gin macht auch keinen Sinn . Der "Vodkatini" ist tot - es lebe der Wodka Martini

Vodka Martini

 

Ich betrat die "Gold Bar" des Nobis Hotels Stockholm um ca. 22.45 Uhr. Ich brauchte einen Drink. Um 17.00 Uhr war ich schon einmal hier. Der Barmanager lud mich am frühen Abend  auf einen Strawberry Basil Smash ein. Mehr als 20.000 Stück haben Sie bislang davon verkauft. Ein frischer "wake me up" am frühen Abend - perfekt.

Jetzt hatte ich mich "davon geschlichen". Es war der Vorabend der schwedischen Bacardi Legacy. Es gab ein Abendessen mit den Finalisten, der Jury und Gästen von Bacardi. Nach dem Abendessen kam was kommen musste. Ein Bar-Tour durch Stockholm. Und da habe ich mich "davon geschlichen".

Die letzte Wochen waren "hart".  Die Deutsche Legacy kostete, selbstverschuldet, eine Menge Kraftreserven. Es folgte der nicht weniger großartige, aber ebenso kräftezehrende, Besuch der Pariser Bar LES COQ im Löwen. Das Ergebnis: Wenig Schlaf dafür aber eine nicht zu leugnende Menge an guten Alkohols in den letzten Tagen.

Ich war Müde. Unendlich erschöpft.  Ich kam ins Hotel und tat, was ein Mann tun mußte: Ich ging für einen letzten Drink in die "Gold Bar". Ich brauchte einen Drink. 

Daiquiris hatte ich heute und die Woche über schon etliche getrunken. Nach Säure war mir nicht mehr. Ich brauchte etwas frisches, reines, starkes.  Es ging mir nicht um ein sensorisch, gustatorisches Drink Erlebnis. Ich brauchte einen Drink, zum "freimachen".

Meine Gedanken formierten sich um einen Martini Cocktail. Im Grunde genommen hatte er bereits jetzt keine Flucht-Chance mehr, alle Wege waren abgeriegelt. Die Brücke zu den Sours abgerissen, der Weg zu den Old Fashions versperrt. Es war Martini Time. 

Ich scannte die Gin Auswahl im Rückbüffet. Bloom war mir jetzt zu floral,  Monkey 47 für diesen Moment zu kräuterig,  Tanqueray und Beefeater  klassisch Wacholder, aber nichts für heute Abend.

Ich suchte nach dem perfekt Match für einen kristallklaren, crispen "Good Night Martini"  - so klar, kalt und entspannt, das die Woche ein verdientes Ende fand. Plötzlich blieben meine Augen an einer Flasche direkt neben der Gin Auswahl hängen. Ich grübelte. Gedankenexplosion im Kopf. Was für ein verwegener Plan. Ich musste schmunzeln. Damit würde der gute Mann, der mich bereits mit Namen begrüßte, niemals rechnen.

 

Also,warum eigentlich nicht?

Vielleicht war es der junge, freundliche und ambitionierte Bartender, der seit gut drei Minuten um mich herumtanzte und nur auf ein Zeichen wartete Gin, Vermouth und Bitters in einem Rührglas zu vereinen.  Seine als Kompliment gedachte Erwartungshaltung an mich  erhöhte den Druck. Ich fand gefallen Ihn mit meiner Bestellung zu überraschen, seine Erwartungshaltungen zu brechen. 

Aber es war da noch mehr in dieser folgenschweren Bestellung. Mir wurde plötzlich klar, es war an der Zeit mit unseren Gewohnheiten zu brechen. Wir waren Gedanklich festgefahren, Zeit für die Revolution. Oder zumindest für die Rückbesinnung. Zeit für die Vielfalt, die Reflexion, den ehrlichen Vergleich, das Abwerfen des uns begrenzendes starren, wacholderlastigen Korsetts. Zuviel Gin macht auch keinen Sinn! Die Müdigkeit war verflogen, ich war voller Vorfreude auf meinen Drink und meine revolutionäre Bestellung.

Die Freunde am Überraschungsmoment, die Sekunden eines verwirrten Gesichtsausdrucks. liesen mich bestellen:

 "Vodka Martini please, Grey Goose, Noilly Prat, Orange Bitters"

Es hätte den Bartender hart erwischen müssen, ich dachte ich würde ihn damit sofort zu Boden ringen. Aber der Mann war gut. Maximal ein Bruchteil einer Sekunde konnte man sehen, das er sich kurz neu sammelte, dann war er wieder Herr der Lage, ganz Profi, ganz fünf Sterne Haus.

"You prefer a Twist, Sir?"

"Lemon Twist please."

"Perfect choice Sir, I love it with the dash of Bitters..."

Er nahm die Flasche Grey Goose mit und ging in seine Mixstation. Ich hörte bald darauf die Klaviatur der feinen Martini Zubereitung in der mittlerweile ruhigen Bar und das Knacken von Eis.

Heute, genau jetzt, für meinen ersten Wodka Martini seit mehr als zehn Jahren musste es Grey Gosse sein! Aus mehreren Gründen.

Zum einen war ich Gast des Hauses Bacardi. Ich mag gute Umgangsformen. Warum also nicht die Premium Wodka meines Gastgebers für meinen Come Back Wodka Martini nehmen? 

Aber jenseits höflicher Umgangsformen sprach mehr für einen gezielten Griff zur Grey Goose Flasche. Grey Goose ist eine Ikone, ein Synoniem für Premium Wodka, der Vorreiter dieser Kategorie. Und diese Kategorie hatte ich in den letzen Jahren mit Füßen getreten. Zu Recht. Wodka, so der typische Bartender Gedankengang, ist dezent, was die Aromatik angeht. Soweit, so gut. Nur Premium Wodka oder Super Premium Wodka, hatte diese Kategorie in Verruf gebracht. Immer Absurder wurden die Preise, immer Absurder die Marketing Versprechen. Diamant Staub gefilter etc. 40,- 40,- 50,- € plus die Flasche.

Es war richtig, das wir uns seiner Zeit diesem immer absurderen Marketing widersetzt haben. Aufstanden, unsere Gin Flaschen nahmen und in den Krieg zogen. Gegen Dummheit, Marketing und inhaltlose Marketing Versprechen. Gegen die lächerlichen Stilblüten von Super Duper Premium Wodka. Für den Geschmack, die Vernunft, den Value for Money. Mit gutem alten Gin in der Hand.

Was waren das für Zeiten. Als wir, die Wächter des Guten Geschmacks aber auch des Gegenwertes, Gin für 20 bis 25 € in die Höhen lobten, Und Wodka für plus 30,00 € abstraften. Inhaltsloser Marketing Quatsch. Und heute, kaufen wir Gin für 30, 40, 50, 60 € der Liter und fühlen uns gut dabei. Alles Richtig denken wir  uns und geben uns unreflektiert dem Gin Marketing und seinen mittlerweile absurden Preisen hin. Warum also, haben wir uns so über Wodka aufgeregt?

Und jetzt sitzt man in Stockholm, in freudiger Erwartung seines ersten  Wodka Martinis seit Urzeiten. Und freut sich. Möchte sich entschuldigen beim Premium Wodka. Möchte im erzählen "Komm, hör zu - ganz so war das nicht gemeint. Du musst mich verstehen, es waren andere Zeiten"...

Und der Wodka hat mich verstanden. Er steht vor mir. Im goldenen Glas. Hat Klasse, lächelt mich an und signalisiert mir "Schwamm drüber". Und ich trinke einen großen Schluck und bin begeistert. Eiskalt, clean, mit einer unbeschreiblichen feinen Struktur läuft er über meinen Gaumen. Die Zitronen Zeste ist etwas dominant in der Nase - der Drink ist perfekt. 

Ich liebe Martinis und habe viele getrunken. Wenn ich überlege wie oft mich ein Gin Martini auch schon angestrengt hat, wie oft man zur Hälfte des Glases schon nicht mehr weiter trinken wollte, ist dieses Geschmackergebnis  zum niederknien schön. Warum? Weil es simple ist aber elegant. Frisch. Charmant und nicht anstrengend. Und weil man mit keinem Bartender der Welt um diesen Drink philosophieren muss. Man trinkt Ihn. Und ich schwöre mir, das war nicht mein letzter Wodka Martini. 

Ein Wodka Martini scheint mir ein zu unrecht unterschätzter Drink. Eins ist klar. Wir müssen Ihn abgrenzen zu diesen oberflächlichen "Tini" Gesaufe in den Staaten. Ein Vodkatini ist kein Wodka Martini. Ein ordentlicher Martini, mit gutem Wodka, wie er beispielsweise im DUKES in London seit Jahrzehnten zubereitet wird, ist eine Offenbarung. 

Ein Vodkatini hingegen bleibt auf der Black List. Warum? Weil die TINIS so 90er sind und für all das sprechen was Wodka schlecht gemacht hat. Aber, jetzt, wo wir Bartender wieder gelernt haben, wie man anständige Martinis mixt, spricht nichts gegen eine Wodka Martini. Ein Wodka Martini schreit nach einer guten Bar! Gerne eine Hotel Bar mit Steinway Flügel. Ich sehe gut gekleidete Menschen um mich rum sitzen, die sich angeregt unterhalten.  Und zwar nicht über Drinks. Sonder über das Lebens.  Sie trinken Wodka Martinis - und sind verdammt cool dabei. 

"Bartender, einen Wodka Martini bitte!"