07.08.2012

Trinken - In Hamburg - Zufällig...



Hamburg ist eine Hotelbar-Stadt. So habe ich diese Hansestadt vor 15 Jahren kennen gelernt. In den Hotelbars servierten alt gediente Herren in weissen Jacken Drinks, die mir seiner Zeit nicht zeitgemäß erschienen. Mit Klasse und Eleganz.

Leider haben einige Hotel Bars in den letzten Jahren das Personal getauscht. Das Durchschnittsalter ist 20+, was grundsätzlich nicht schlimm ist, nur nicht dieses gewünschte "Gestandene-Person-Image" als Sparringspartner hinter der Bar aufkommen läßt.

Nun denn. Heute war ein anstrengender Tag, mit Höhen und Tiefen. Charmant war der Besuch von David Wiedemann, der eine Thomas Henry Schulung im Tasting Room gab. Anstrengend waren andere Sachen. Aber davon nicht zu wenig. Hat ja keiner gesagt, das es leicht wäre, eine Bar zu betreiben.

Kurz vor 18.00 Uhr entschied ich mich für den Besuch der Hyatt Hotel Bar. Und wurde angenehm überrascht! Es wurde umgebaut, im März diesen Jahres. Gefällt mir gut. Die Apples Bar ist somit wieder vollends auf meiner Gute-Hotel-Bar-Drink-List aufgenommen.

Der eigentliche Grund meines Besuches: Alberto Costa, seit 6 Jahren Barchef in der Apples Bar. Er ist ein Garant, ein Kontrapunkt zur 20+ Generation. Alte Schweitzer Schule.

Ich wollte Ihn einladen. Zum Club de Cantineros Abend in Hamburg. Ich setzte mich an die Bar und bestellte einen anständigen 47% Vol Gin mit Fentimans. Aperitivo sozusagen. Alberto bewirtete die Bar, dazwischen führten wir ein nettes Gespräch unter Kollegen. Ich lud ihn ein und trank in Ruhe meinen Gin & Tonic, und genoss es, Alberto bei der Arbeit zuzusehen.

Hinter mir saß eine Gruppe Amerikaner, es wurden Martinis bestellt. "Auch nicht schlecht" dachte ich und sah Alberto dabei zu, wie er ein ungewöhnlich hohes, schmales Rührglas kalt rührte und die Zeremonie der kultivierten Martini Zubereitung einläutete.

Verdammt. Ich hörte diese leise Stimme in mir. "Warum nicht noch einen Martini trinken?" sagte Sie. "Einen kleinen, ach komm, das geht schon..." Puh. Eigentlich wollte ich ins Bureau, es lag Arbeit für Zwei auf dem Tisch. Andererseits hatte der Tag wirklich Nerven gekostet. Einer kleiner Martini, zur vollendeten Entspannung?

Der Schwerpunkt der "neuen" Apples Bar ist neben einer Seite interessanten Signature Drinks, Vodka und Champagner. Aber selbstverständlich gibt es auch eine kleine, aber feine, Gin Auswahl. Mein Blick fiel auf Monkey 47, den ich als eigenwilligen Martini sehr schätze.

Ich bestellte einen Monkey 47 Martini ohne weitere "Anweisungen". Sicherlich: ein Spiel auf Leben und Tod!  Allerdings kann man nur so die Stilistik der Bar kennen und eventuelle lieben lernen, und außerdem wog ich mich bei Alberto in sicheren Händen.

Kein Vermouth, nicht einmal der Schatten einer Flasche, traf diesen Martini. Eine ordentliche Menge Monkey 47, einige Dash Orange Bitter wurden lange im Rührglas kalt geschlagen, fernab jeglichen Pseudo Japanese Bartending Gehabes. Kurze Zeit später stand ein eiskaltes Glas vor mir, getopt mit einer winzigen Zitronen Zeste, die erahnen ließ, das der Mixer verstanden hatte:  zuviel ist zuviel und zuwenig einfach nicht genug.

Die Kräuter Aromatik des hier veredelten Schwarzwald Destillates traf mich angenehm hart. Zwei große Schlücke später, "Quick, while it's still laughing at you", das Glas somit fast geleert, schaltete ich in den Entspannungsmodus um. Ich legte das iPhone beiseite, strich langsam mein ernst gemeintes Vorhaben, den Montag Abend im Bureau zu verbringen und genoss die Musik.

Ich beendete den Martini mit den Worten "ich nehme gerne noch einen" und dachte an Dorothy Parker: "...two at the very most" - Recht hatte die Dame!  Unter den Host würde ich es heute nicht mehr schaffen, aber ein einzelner  Martini erschien mir ein unlogische Abendgestaltung. Jetzt konnte ich mir zumindest sicher sein, das ich einen leichten Rauschzustand genießen dürfte. Das erschien mir Sinnvoll und das Beste, was man an diesem  frühen Abend um kurz nach sieben machen konnte.

Der Genuss des zweite Martinis brauchte etwas mehr Zeit. Die Temperatur im Glas stieg an, der Drink wurde anspruchsvoller. Die Kombination von einsetzendem Rausch und wahrnehmbaren Geschmacksveränderungen am Gaumen genoss meine volle Aufmerksamkeit, und alles weltliche um mich herum trat in den Hintergrund. Ich dachte gerade, das so ein unerwarteter aber erweiterter Aperitif durchaus als nächstes eine sorgfältige Planung eines Abendessens forderte.  Da klingelte plötzlich das Telefon. Thorsten Husmann am Apparat.

"Jörg, ich bin auf dem Weg zum DEHOGA Sommer Empfang im Garten des Anglo German Clubs - hast Du Lust mitzukommen?"

"Gibt es da nen anständiges Büffet?"

"Ja, klar"

"Ich bin in 15 Minuten da"