02.01.2012

Worauf es ankommt...

Über die Feiertage, am Ende eines Abendessen mit toller Gesellschaft, gelungenem Gänsebraten und gutem Wein legte mich ein Toffifee lahm. Es zog mir ein provisorisches Inlay. Der Termin zum Einsetzen des Originals lag im neuen Jahr, der nunmehr "blanke" Zahn entpuppte sich als recht schmerzempfindlich. So entschied ich mich, in den Tiefen Niedersachsen, an den Feiertagen, früh morgens, einen Notdienst aufzusuchen.

Nach einer kleinen Reise fuhr ich auf den Parkplatz des Zahnarztes. Wow. Ich hatte hier eine verschlafene, ländliche Zahnarztpraxis erwartet. Vor mir aber lag eher ein strahlendes Zahn Zentrum. Ein großer, architektonisch gestalteter Bau. Glas, Beton, Stahl.

Im großzügigen Empfangsbereich empfingen mich charmante junge Damen. Ich wurde in eine hochmoderne, nennen wir es "Warte-Lounge" geführt. Ob des, von Patienten Seite sichtlich ungewollten, Feiertag Andranges, durfte ich hier ein gutes Stündchen verbringen. Hier wurde richtig aufgefahren. Musik, Softdrinks und Kaffee-Bar, großes Angebot an Zeitschriften und Lifestyle Blättern. Und "free Wifi Zone".

Schließlich wurde ich zum Arzt gebeten. Ich ging an ca 10-12 gläsernen Behandlung-Zimmern entlang, die eher an eine Apple Design Studie zum Thema Zahnarzt der Zukunft 2020 erinnerten, anstatt an real existierende Behandlungszimmer. Aber schließlich nahm ich selber in solch einer "Studie" platz und wartet auf einen der vier oder fünf Ärzte, die sich hier wahrscheinlich einen (zahnmedizinischen Geek-) Lebenstraum erfüllt hatten.

Zahnarzt ist Vertrauenssache. Ich bin seit mehr als zehn Jahren in Hamburg bei einem fantastischem Zahnarzt, einem Meister seines Fachs. Bislang war mir noch nie die Innenausstattung "meiner" Praxis bewusst aufgefallen. Sie war einfach da. Gut, unauffällig, angenehm.

Jetzt saß ich hier, in wahrscheinlich modernsten Zahn-Irgendwas-Komplex Nordeuropas - überraschender Weise in den Tiefen Niedersachsens und der Herr Doktor erschien.

Ich will Sie hier nicht mit den Feinheiten der Wiederherstellung eines provisorischen Zahninlays konfrontieren. Aber zwei Dinge fielen mir bei diesem Zahnarzt auf.

Zum ersten: Er hatte eine ungeschickte Art, erschien mir unsympathisch. Er war weder in Eile, noch gehetzt und signalisierte mir von seiner Seite den Willen zum Gespräch. Dabei erschlug er mich dann  aber mit seinen Meinungen und Weisheiten. Das erschien mir ungeschickt. Wie gesagt, der Vertrauensfaktor beim Zahnarzt ist extrem hoch. Und den sollte man durch anfängliches Small Talk Geplänkel aufbauen, nicht danieder mähen. Wer da zu selbstverliebt auftritt, verliert schnell an Boden.

Zum zweiten: Dem Mann fehlte es am eigentlichen ärztlichem Geschickt. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Nicht an seinem fachlichem Können. Wahrscheinlich tip top. Ich rede hier von dem, was ich als Kunde, äh Patient, wahrnehme. Feingefühl.  Im Vergleich zu mein Arzt in Hamburg war dieser High-Tech-Man Lichtjahre entfernt vom "Mr. Soft-Hand" Status.

Das fängt an, bei der Art wie man jemand eine Spritze gibt (Hamburg: "Aeh, sind Sie schon fertig? - Niedersachsen: "Aua …!") und dem gesamten "Mundgefühl" - sprich Grobschlächter oder fein geistiger Violinenspieler, der einem da im Mund rumhantiert?

Ebenso die Stimmung im Raum, der Umgang mit den charmanten Helferinnen. Man merkt, ob es hier ein eingespieltes, harmonisches Team ist, oder ein ungeschicktes, unbeholfenes Zusammenspiel.

Nach einer knappen halben Stunde war ich fertig. Und das Ergebnis war aus medizinischer Sicht absolut in Ordnung. Nur nicht aus meiner Patienten Sicht. Dieser High Tech Tempel wird mich im Leben nicht wieder sehen.

Hier wurde zwar alles erdenklich aufgefahren. Nur die Basics fehlten. Ein Zahnarzt mit feinmotorischem Geschick. Mit einer angehemen Zurückhaltung und mit vertrauenserweckender Ausstrahlung. Obwohl der mich behandelte Arzt hier nicht sehr alt erschien, hatte er glaube ich aufgehört, oder nie angefangen, seine eigentliche Arbeit in Frage zu stellen. Sich und seine Patienten zu fragen, ob die eigentliche Arbeit bzw. wie seine Arbeit am Gast, äh Patienten, ankommt.

Was nützt uns eine Vielzahl von Tools und Drum Herum, wenn wir die eigentlichen Basics nicht beherrschen? Dient uns dieser ganze Spielkram sogar eher dazu, uns hinter Ihm zu verstecken? Soll er unsere Unsicherheit kaschieren?

Aufgabe 2012: Meine Arbeit mit dem Auge des Gastes in Frage stellen. Auf das Wesentliche konzentrieren, Spielkram und Blendwerk beseitigen. Ich freue mich drauf...

 

Und falls jemand einen Meister sucht: Herr  Dr. Tögemann.