25.08.2011

Leseempfehlung für Bartender (und Eltern): GENERATION WODKA - Wie sich unser Nachwuchs mit Alkohol die Zukunft vernebelt.

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Ich habe den lebenswertesten Beruf der Welt. Ich bin Bartender. Wirt. Schankkellner.

Das was den Beruf für mich so großartig macht, hat im Grunde genommen sehr wenig mit dem Verkauf von Alkohol zu tun. Ich verkaufe Atmosphäre, Zwischenmenschliches, Kultur,, Lifestyle, Nachtleben,  Begehrlichkeit, und vieles mehr. Aber ebbend auch:  Alkohol. Und wenn wir Ihn schon verkaufen, sollten wir wissen wir wir Ihn anständig servieren. Eine Bar ohne Alkohol ist für mich keine Bar.  Und ich liebe die Bar. Die alkoholische Bar. Aber, ich weiss damit umzugehen.

Wenn ich arbeite, trinke ich in der Regel nicht, oder sehr mässig. Andererseits bin ich kein Kind von Traurigkeit, wenn es einen Anlass dafür gibt. Feste Feiern - da sag ich nicht nein. Alkohol ist ein fantastisches Kulturgut!

Ich habe so gut wie keinen Alkohol zu Hause und habe nur in sehr seltenen Momenten Alkohol alleine getrunken. Allerdings gehe ich sehr gerne alleine in eine Bar, da trinke ich dann auch. Für mich hat das Trinken immer einen sozialen und kulturellen Aspekt. Trinken um der Wirkung wegen, zumindest an erster Stelle, ist nicht mein Fall.

Das scheint bei der Generation Wodka anders zu sein. Wolfgang Büscher, Bernd Siggelkow und Markus Mockler haben ein durchaus schockierendes Buch über den Ist Zustand  unser Gesellschaft geschrieben. Vielmehr über das KOMA Saufen bei Jugendlichen. Nein, wenn wir ehrlich sein wollen, bei Kindern.

Und das Buch hat mich beeindruck. Ob wohl ich, Berufs und Gesinnungsmässig solch einem Buch eher kritisch gegenüberstehen sollte.

Die Kapitel des Buches wechseln zwischen Fakten und reale Erzählungen von trinkenden Kinder. Von 10 (!) bis 17 Jährigen. Die Geschichten der "Kinder" haben mir ein wenig die Sprache verschlagen. Die Fakten ebenso. Einige Auszüge:

  • "Dieses Buch ist wichtig weil mittlerweile jeder zehnte Jugendliche unter 12 Jahren Alkohol trinkt - und zwar regelmässig"
  • Ein siebenjähriger Junge ist im November 2009 mit einer lebensgefährlichen Alkoholvergiftung in ein Krankenhaus geliefert worden. Passanten hatten Ihn krampfend auf einem Spielplatz gefunden. Er hat sich mit seinem zwei  Jahre älteren Bruder besoffen
  • Ein Junger Mensch der mit 12 Jahren regelmässig anfängt zu trinken wir nicht älter als 25 - die Organe versagen. Und das passiert regelmässig in Deutschland
  • In Deutschland leben derzeit ca. 2,5 Millionen Alkoholiker
  • Im Zeitraum von 2004 bis 2009 stieg die Zahl der alkoholbedingten Klinikbehandlungen von Jugendlichen um 80 Prozent an.
  • Im Saufen spielen die Deutschen in der Champignons League, mit guten Aussichten hin und wieder den Weltpokal zu gewinnen

Einiges davon kommt Ihnen vielleicht bekannt vor. Einiges hat mich unangenehm überrascht. Und die Autoren schaffen etwas, was nur die wenigsten bei solchen Thematiken schaffen. Sie behalten das rechte Auge für die Zusammenhänge. Das macht das Buch lesenswert. Denn, schuld an trinkenden Kindern sind hier nicht die Gastronomen. Und das Trinken als solches wird auch nicht verteufelt.

"Positive formuliert: die Mehrzahl der Menschen kann mit Alkohol umgehen und weiß zumindest ungefähr, wo die eigenen Grenzen sind"

"Insgesamt ist der regelmässige Konsum bei Minderjährigen in den vergangenen Jahren zurückgegangen, sogar sehr deutlich, von 44 Prozent im Jahr 1979 auf 29 Prozent im Jahr 2008"

Allerdings, die Härte mit der die heute trinkenden Jugendlichen und Kinder "zuschlagen" ist unglaublich extrem (und ich hätte das so nicht eingeschätzt). Dabei, das zeigt das Buch auch, geht es nicht um sozial Schwache Schichten, oder wie es hier oft genannt wird "bildungsferne Schichten.  Ganz im Gegenteil: Abiturienten führen das Ganze gelegentlich an.

Es geht darum, das dieses Koma Trinken in allen Gesellschaftsschichten zu Hause ist. Das Buch zeigt, warum Kinder trinken und wer sie "beliefert". Es zeigt ganz nachvollziehbar, das die viele Fehler von den Eltern gemacht werden. Die Spirituosen Industrie mit Alkopops und Ihrer Werbung die Zielgruppe Kind / Jugendlicher anspricht ist im Visier. Und das Kinder Ihren "Stoff" in der Regel beim Kiosk, an der Tanke und im Supermarkt beziehen - nicht in der Kneipe. Die Politik  wird angesprochen, die Steuergewinne etc. Ein Blick in alle Richtungen - nur der Gastronom wird hier nicht, wie sonst so oft üblich, Generalverdächtig. Ich will unseren Berufsstand hier nicht von Verfehlungen lossprechen, aber das Buch zeigt nachvollziehbar, das das Übel wenig mit Gaststätten etc. zu tun hat.

 

Und das Autorenteam fordert Sofortmassnahmen ein, mit denen ich eigentlich zu großen Teilen leben kann.

  • Alkoholverbot in der Öffentlichkeit
  • Promille Grenze im öffentlichen Nahverkehr (wird die Taxi Lobby gerne hören)
  • Kein Verkauf an Tankstellen
  • Verschärfte Bedingungen im Supermarkt
  • Höhere Preise für Hochprozentiges
  • Risikohinweise auf Flaschenetiketten
  • Einschränkung der Alkohol Werbung
  • Mengen anpassen
  • Striktes Alkoholverbot für Schwangere

Sicherlich, einiges ist schwierig. Risikohinweise auf Flaschen bitte nicht, bringt eh nichts. Mengen anpassen scheint mir ebenso schwierig. Und ein militantes Alkoholverbot für Schwangere finde ich ebenso fragwürdig. Ein Glas Champagner werde ich auch keiner Schwangeren vorenthalten.

Aber, das Thema wird, so oder so, in naher Zukunft stark sensibilisiert werden. Und wir müssen aufpassen und selber dafür sorge Tragen, das der Schmale Grad gekonnt gegangen wird.  Daher finde ich dieses Buch lesenswert. Denn Alkohol, eine der wenig legalen Drogen, kann ein teuflisches Zeug sein. Und wir sollten aufpassen, das es nicht wieder ganz verboten wird. Das fordert einen verantwortungsvollen Umgang, gerade von uns.

Daher, und dies überrascht mich selbst, eine Leseempfehlung für ein Buch, welches sich kritisch mit Alkohol auseinander setzt.