30.09.2010

Bartenderszene Moskau - eine unglaublich faszinierende Begegnung ...

Eine Gruppe Internationale Speaker auf der PIR - und ganz rechts, "Don" Dima.


Ich sitze im Taxi, morgens um 6.00 Uhr. Auf dem Weg zum Flughafen Sheremtyevo. Das gute daran ist, das um diese Uhrzeit, Richtung Stadtausfährts, der Verkehr noch nicht zum Erliegen gekommen ist. Die vierspurige Autobahn Richtung Innenstadt hingegen sieht schon bedrohlich voll aus. Stop and Go. Unsere Fahrtrichtung, wie gesagt, "rollt". Zumindest ist Bewegung drin. Im Vergleich zu den letzten Tagen eine angenehme Erfahrung. Wenn man mich also fragt "Wie war's in Moskau ?" bleibt als ehrliche Antwort:" Stauig". 4 - 5 Stunden am Tag im Auto für Gesamtkilometerleistungen von eventuelle 30 km waren die Regel. Unser Fahrer und unser Gastgeber Dima Sokolov vorne. Ueno San, Ricardo Sporkslede und meine Wenigkeit auf der Rückbank. Wer die Statur von uns Dreien kennt, versteht, das die glückliche Kombination aus einen übergewichtigen Kellner mit zurückgelegten Haaren und den beiden Leichtgewichten, aus meiner Sicht eine sehr Glückliche war.

Moskau also. Zum einem: PIR. Moskaus größte Messe rund ums Gastgewerbe. 3 Tage in einem extra BAR Bereich mit drei Bühnen/Räumen.

Vorträge und --- oh, kurze Unterbrechung: der Fahrer hat die Autobahn verlassen. Stau. Nichts geht mehr. Wir fahren durch total heruntergekommene Industriegebiete. Irgendwie immer noch im Stadtgebiet von Moskau. Das erinnert mich an Havana vor einigen Jahren. Die Strassen vom tagelangem Regen gnadenlos überflutet, man sieht die Schlaglöcher nicht, einige davon sind allerdings 30 und mehr cm tief. Einen Wagen vor uns hat es erwischt, abgesackt im Schlagloch. Die Kolonne aus Ortskundigen fährt stillschweigend an dem fluchendem Fahrer vorbei, der alleine den Wagen dort nicht rausbekommen wird. Auch mein Wagen bahnt sie seinen Weg auf dem Pfad der Vorgänger durch die Wasserlandschaft. Selbstverständlich fährt auch mein Taxi ohne zu Helfen am verunfallten Kollegen vorbei. Gut so, denke ich. Denn es wird langsam knapp ...

Aber zurück zur PIR. Seminare und, ja, die inflationär benutzten Masterclasses. Ich selbst bin für eine angesetzt. Meine Masterclass: "Seven Classic Cocktails Bartenders may do wrong". WOW, wer hätte das gedacht. Alle Stühle besetzt, hinten bilden sich zwei, drei Reihen stehendes Publikum. Eine Stunde habe ich für meinen Vortrag angesetzt. Was man mir verschwiegen hat, ist das die Vorträge gleichzeitig übersetzt werden. Wie ich das hasse. Andererseits die richtige Entscheidung, ein Großteil der Bartender, allesamt unglaublich interessiert und geduldig, sprich kein Englisch.

So wird mein Vortrag, trotz dem ich einige Teile ausließ, gut 100 Minuten lang. Fast niemand ist gegangen, im Nachhinein großes Interesse, Fragen etc... Ich bin begeistert - tolles Publikum. Wissensdurstig!

Sich vor ein Publikum zu stellen und Ihnen zu sagen was Sie falsch machen ist eigentlich das dümmste was ein Bartender tun kann. So war das "may" im Vortrag wichtig. Und selbstverständlich gab es eine Menge Augenzwinkern und Berichte von Fehlern, die mir selbst unterlaufen sind. Am schönsten aber fand ich, das mir beim Vorbereiten des Vortrages klar wurde, das ich selbst einen der großen Klassiker seit Jahren falsch zubereitet. So wie ziemlich jeder Bartender. Denn ich habe Ihn nur einmal in der Form in London serviert bekommen. Also, die Rede ist vom Ramos Gin Fizz. Bislang immer falsch gemacht und dummes Zeug drüber geschrieben. Wer Ihn nunmehr anständig serviert bekommen möchte, möge ins Le Lion kommen. RGF Stufe 2 wartet dort. Man lernt nie aus. Gut so. Auch die unzähligen Seminar von Frau Miller und Herrn Brown habe ich in Moscow genossen. So sehr wie noch auf keiner anderen Messe.

Warum? Weil deren Vorträge unglaublich konzentriert sind und man Zeit braucht, um sich darauf einzulassen. Die Fehlt in der Regel bei vielen anderen Messen. Zuviele bekannte Gesichter, zu viele Verabredungen. In Moscow - angenehm. Ein Dutzend internationaler Speaker die man kennt, zwei, drei Bartender aus Moscow, das war's. Zeit für Geschichtsunterricht. Ich glaube die beiden haben elf Seminare gegeben. Ein paar konnte ich beiwohnen. Deren gerades erschienenes zweites Buch - Spirited Journey - sei hiermit jedem ans Herz gelegt. Erstklassig.

Die PIR war für mich eine voller Erfolg. Und ich glaube auch die Veranstalter des Bar Forums waren mehr als zufrieden. Jeden Tag volle Stuhlreihen und gute Vorträge auf den Bühnen.

Einer der verantwortlichen des Bar Forum ist Dima. Er war unsere Gastgeber, hat Ueno, Ricardo und mich "rübergeholt". Ueno kannte ihn. Über Ueno hat er mich angesprochen. Bislang kannte ich Ihn nicht. Und ich glaube, er ist einer der interessantesten Personen des Bar Business die ich seit langem, wahrscheinlich überhaupt je, getroffen habe.

Die Welt ist groß, und wir doch nur kleine Lichter. Auch in dieser Hinsicht war Moskau jede Sekunde wert (bis auf einige im Auto). Dima ist unglaublich. Es sollte eigentlich um die Welt reisen und auf den Bühnen der Shows stehen. Denn er hat etwas zu erzählen. Etwas echtes, praktisches, und erfolgreiches. Stattdessen holt er alle Namen die wir kennen nach Moskau. So auch Ueno im letzten Winter. Dale fehle im noch, ist er aber dran. Ob ich auf dem BCB ein gutes Wort für ihn bei Dale einlegen könnte? Denn leider bekommt er jetzt kein rechtzeitiges Visa mehr... Werde ich tun Dima. Versprochen.

Wo soll ich Anfangen von Dima zu erzählen? Ich konnte mich viel mit Ihm unterhalten. Statt Sightseeing in Moskau - Stunden im Auto. Statt Moskau at Night mit "Nutten, Champus, Koks" (um hier mal ein Klischee wiederzugeben), ein schlechter Kaffee Americano in einer mittelmäßigen Hotellobby auf einen Messegelände.

Wer nun also denkt, Champus Meyer in Moskau, der lag falsch. Nicht ein Glas, kein Nachtclub, keine wilden Geschichten. Ich, wir, werden älter. Gut so. Um ein Uhr ins Hotel, endlich einmal sechs Stunden schlafen - die Tage sind lang, ein persönliche Zufriedenheit somit relative Simple hergestellt.

Doch zurück zu Dima. Dreissig Jahre jung, kräftige Statur, freundliches Gesicht, langes Haar gebündelt im Pferdeschwanz, Jeans, Turnschuh, Baumwollhemd. Legerer Auftritt. So begrüßte er mich. Gleich sympathisch. Und ich habe einige Tage gebraucht, viele Gespräche, um zu verstehen, wer Dima ist, was er macht, und warum er die treibende Kraft für Bartender in der Weltmetropole Moskau ist. Don Dima, auf die angenehme Art!

In aller Kürze. Er mit 18 Jahren angefangen als Bartender zu arbeiten. Als Student, nebenbei. Er studierte Medizin und hat sein Studium abgeschlossen. Bis dahin aber schon mehr Zeit als Bartender verbracht. Wenn man das im Leben gefunden hat, was einem Freude bereitet sind zwei Jobs zugleich ja nicht wirklich "schwer". Der eine ist dann wie Freizeit, d.h. man kann die Freizeit streichen. Um dann das einzig richtige zu tun: dieses akademische Allerweltsleben an den Nagel zu hängen und Vollzeit Bartender zu werden. Seine eigene Bar zu eröffnen. Das war vor 6 Jahren. Davor hatte er sich bereits einen Namen gemacht. Über diverse Internationale Wettbewerbe, die er gewonnen hat.

Was mir im allgemeinen Aufgefallen ist, haben diese Wettbewerbe in Russland auch heute noch bei fast allen Bartendern einen enorm hohen Stellenwert. Auch bei Dima. Er hat einige gewonnen. Sie haben Ihm in Russland so einige Türen geöffnet. Und nicht nur dort.

Auch Dima war in jungen Jahren Mitglied der IBA. Auch er ist vor einigen Jahren ausgetreten und lässt seit dem wenig gute Worte mehr an den verstaubten Strukturen dieser Organisation. Nun, über einen Wettbewerb traf er den damaligen IBA Judge Peter Dorelli. Sie verbrachten einen Abend zusammen und man einigte sich darauf, wann immer Dima einmal Peter in London über die Schulter schauen möchte, sei er mehr als willkommen. Eine Woche später stand Dima mit Koffer vor dem etwas verdutzend Peter und blieb einige Wochen. Er "arbeitete" bei Peter. Er lernte London kennen, und die Barszene, kurz nach der Jahrtausendwende.

2004 eröffnet er mit seinem Partner Max sein erste Bar in Moskau. "Nicht groß" wie er sagt, knapp 80 Plätze. Aus Löwensicht schon eine grosse Bar. Allerdings somit auch die mindest Grösse um, bei guter Auslastung, Gewinne zu fahren, die weiteres Investment erlauben.

Die Bar war und ist ein voller Erfolg. Und jedes Jahr hat das Duo eine weitere Bar eröffnet. Derzeit haben Sie fünf Bars. Die Dream Bar beispielsweise. Mit mehr als 200qm die Ideale Grösse wie Dima findet. Ansonsten kann er die hohen Mieten in Moskau nicht wieder reinspielen.

Bei der Dream Bar hatte er Glück. Sie kostet nur 14000,00 € Miete. Üblich für ein Lokal dieser Grösse in ähnlicher Lage wären in Moskau 60000,00 €. (Nein, das Komma ist korrekt - Sechszigtausend). Die Wirtschaftskrise kommt ihm zu gute. Die Mieten sind gesunken.

Selbstverständlich auch die Kaufkraft. Das glamoröse Bild vom Edel Night Life in Moskau. Von extrem teuer, ist nicht Dima Geschäft. Er bietet sehr viel "Value für Money". Das ist sein Erfolg. Kleine Marge, hohe Qualität, starke Frequenz. Gerade am Wochenende, wo ein Grossteil des Umsatzes generiert wird.

Seine Bars haben, ob der hohen Mieten, alle 24 Stunden geöffnet, und bieten auch Frühstück und Lunch. Der Schwerpunkt allerdings sind Cocktails. Die Dream Bar hat zwei lange Tresen. Dort werden im Schnitt pro Monat 17.000 Cocktails verkauft, OHNE Cuba libres etc. Das sind Longdrinks. Die anderen Outlets schaffen ähnliche Zahlen. Seine erfolgreichste ca. 25.000 Cocktails. Im Monat!

Unglaublich. Dima beschäftigt derzeit ca. 200 Angestellte, davon sind ca. 80 Bartender. Jemand noch Fragen was den Don Charakter betrifft?

Seine Preise sind im Verhältnis günstig. Umgerechnet um die 5,- / 6,-€ pro Drink. Moskau Nightlife sonst gerne 10 - 15 € pro Drink. Abgesehen von den Jet Set Clubs: 40,- € und mehr.

Dima lächelt ein wenig über seine "teuren" Kollegen. Die Klagen fast alle. Ein Großteil der szenigen, teuren Bars schließt wieder innerhalb eines Jahres. Er lebt lieber von kleiner Marge. Bei den mittlerweile erreichten Absätzen, durchaus vorstellbar.

Die Hippen Nachtclub verkaufen mittlerweile oft Perrier, Vittel und grünen Tee. Das liegt zum einem daran, das die Mittelschicht das Wochenende in günstigen Bars wie denen von Dima beginnt. Und weit nach Mitternacht zum Tanzen in die Ultra teuren Club einfällt.

Zum anderen hat sich dort das Geschäftsmodel geändert. Der Verkauf von Kokain und Pillen ist mittlerweile in Clubs ein nicht ganz legales Standbein geworden. Die Cocktail Umsätze dort rückgängig, von der miesen Qualität und des häufigen Betrugs sprich Warenunterschiebung ganz zu schweigen. Dima Gäste vertrauen seinen Bartendern. Dort wird kein billiger Rum in teure Markenflaschen gefüllt.

Die Auswahlmöglichkeit an hochwertigen Spirituosen ist sehr klein. Uns bekannte Marken sehr teuer. Einfacher Bacardi kostet Dima ca. 23 ,-€. Henricks bei über 50, - €, BOLS Genever, Achtung bitte, über 80,- €!

Mittlerweile hat Dima ob seiner Absatzmengen natürlich gute Konditionen. Kooperationen mit der Industrie sind bei Ihm selten. Er arbeitet mit allen zusammen, solange Sie ihm gute Preise machen. Er verkauft z.B. ca 200 Flaschen Rum pro Woche - sprich gut 10000 Flaschen pro Jahr. Da kann man durchaus recht entspannt am Verhandlungstischsitzen und die Preise langsam " purzeln" sehen...

Neben seiner Absatzmenge ist darüberhinaus ein sehr interessanter Partner für die Industrie. Denn er ist extrem gut Vernetzt. Ein Großteil von Moskaus jungen Bartendern geht durch seine harte Schule. Und er verlangt viel von Ihnen. Harte Arbeit, hartes Training. Wer bei Warenkunde und Co. auf Dauer kein Engagement zeigt, kann gehen.

Als Belohnung für sich und sein Team fungiert er als Tor zur Welt. Er holt Sie alle nach Moskau. Salvatore, Peter, Ueno und Co. Sie alle trainieren seine Bartender und verbreiten für Ihn das Interesse an der Bar und Ihrer Geschichte/Kultur.

Und über den Bartender Kreis hinaus öffnet er den Kreis der Interessierten für Jounalisten und Gäste. Selten hatte ich auf einer gut besuchten Traveling Mixologist Nacht so interessiertes Publikum. Und noch nie darauf hatte ich am Folgetag eine Pressekonferenz mit Vertretern aus Lifestyle Magazinen, Tagespresse und Fachpresse in solch einem Umfang. Dima macht unseren Berufsstand in Moskau, in Russland, zu dem was er leider noch lange nicht überall ist: Ein anspruchsvoller, komplexer Beruf.

Und all das macht er, ohne auch nur eine Sekunde überheblich zu wirken. Wie Eingangs beschrieben, eine mir bislang unbekannte schillernde Person unserer Branche. Er gehört auf die Bühnen dieser Welt. Seine Geschichte ist faszinierend.

Die Barszene in Moskau sieht sich selbst am Anfang, in den Startlöchern. Keine falsche Bescheidenheit die Herren. Alle Signale stehen auf grün und ich glaube das Potential ist enorm.

Vom Rest der Stadt kann ich wenig erzählen. Viel Verkehr, jenseits des Zentrums durchweg hässliche Bauten, viele Oberleitungen, Fabrikschornsteine im Stadtgebiet die alles andere als reinen Rauch von sich geben. Roter Platz und Co - Impossant.

Hab ich Moskau kennen gelernt? Ich glaube nicht. Moskaus Bartendeszene ist mir allerdings jetzt ein Begriff. Ich habe viele Kollegen kennen lernen dürfen und einige interessante Bars. Delicatessen ist meine persönliche Entdeckung. Später mehr davon.

Wer in Moskaus Bartendersszene eintauchen möchte, möge Dima kontaktieren. Ich selber werd nicht das letzte mal dagewesen sein.

Ein Markt in Aufbruchsstimmung. Ein mir bekannter Kollege hat nach einer Masterclass vor einiger Zeit dort gerade einen Consulting Auftrag angenommen. 7 Tage - 10.000 $. Das ist das Schöne am Turbokapitalismus dort. Die Herren mit Geld wachen langsam auf und suchen Hilfe. Die Zahlungsmodalitäten in der Russischen Metropole sind als angenehm zu bezeichnen. "Weiss" ist zumindest der Umschlag in denen die Scheine fein säuberlich gelegt sind. Keine Rechnung, Keine Steuern. Das ist ebenfalls ein Recht interessantes Thema in Moskau. Allerdings: "What Happens in Moscow - stays in Moscow..."