21.06.2010

Ein Sommer Drink! Genuß ohne Marketing: Warum in einer guten Bar "Brands" nicht all zu wichtig sein müssen. Teil 1

Es folgt eine ganz üble Geschichte: Schmierige Verwandtschaft, "Billiger" Schnaps, "Unversteuerter" Handel... hört sich gut an, oder? Popcorn Kino vom Feinsten. Ich hoffe Sie sind im Folgenden nicht enttäuscht: Es ist nämlich eine charmante Geschichte.  Ich hab ein bisschen Dick aufgetragen. Altes Bartender Problem.

Es geht um Ferdinand Kranz. Keine Webseite. Googlesichere Weste. Ohne Ihn jemals gesehen zu haben, würde ich sagen, Tendenz: Old Skool. Ich habe Herr Kranz einmal telefonisch gesprochen.

Und beim ersten telefonische Kontakt mußte ich mich gleich entschuldigen. Ich hatte schlicht weg seine Rechnung nicht bezahlt. Das war mir hochgradig peinlich. Aber seine "Belege" hatten mich verwirrt. Ich hatte das beim ersten mal nicht als Rechnung erkannt, sondern über Kasse als Barzahlung gebucht. Die Rechnung sehen nämlich so aus:

Fast vergessene Rechnungform. Simplify your life.
Jetzt weis ich Bescheid und die folgende Lieferung habe ich gleich per Vorkasse bezahlt. Man will bei Herrn Kranz nicht in Ungnade fallen. Der Mann hat nämlich "guten" Stoff. "Unversteuert" in so fern, als das der Kranzische Spirituosen Konzern sein Gewerbe als Kleinunternehmer ausführt und daher auf die Umsatzsteuer verzichten darf. Das läßt erkennen, das die Anzahl der jährlich gehandelten Flaschen "begrenzt" ist. Und ehrlich gestanden, beim Schreiben dieser Zeilen, frage ich mich gerade ob es Sinnvoll ist, sich hier die eigenen "Bestände" wegzuempfehlen?

Nun denn. Herr Kranz, vielmehr eines seiner Produkte, hat mir vor einigen Wochen Herr Kappes untergejubelt. "Probier mal"... leicht verschmitztes Lächeln bei Herrn Kappes. Man ahnt "Böses". Riecht am Glas, volle, satte Frucht! Interesse geweckt, probiert, und findet ein sehr gut gemachten Mirabellen Brand in seinem Mund wieder.

So unscheinbar kann guter Schnaps sein

Yummy. Wie gesagt. sehr angenehme Frucht. Selten so vorgefunden. Auf Nachfrage wird einem die Flasche präsentiert. Bis dahin Vorstellungen von einen teurem Haus. Beim Anblick der Abfüllung wird klar: 100% Unprätensiöse Aufmachung, scheinbar: Viel Frucht wenig Ehr!

Ich notige Herrn Kappes nun mehr nach Details. Was, Wer, Wieviel? Die Antwort kommt prompt: "Mirabellen Brand von Ferdinand, ist der Großcousin meines Vaters. In dem Dorf Brauneberg ist mein Vater aufgewachsen. Mein Großvater war dort Winzer und hatte einige Weinberge an der Mosel. Schon er hat in der Dorfbrennerei Trester gebrannt um in der harten Nachkriegszeit ein Tauschmittel für Nahrung zu haben. So gab es dann zum Beispiel für eine Flasche Trester eine große Mettwurst. Diese Flasche hat der Tauschhändler dann an einer nahe gelegenen Kaserne an die Amerikaner für viel Geld verkauft...." Aha ... da wird man hellhörig: Viel Geld? Gut ist er ja, wenn auch in unglaublich hässlicher Flasche. Was kostet die Flasche denn? 30,00 €?

Erneut verschmitztes Lächeln von Herrn Kappes. Nicht ganz! Fünfzehn Euro!

Hört Hört, da sieht die Sache ja schon ganz anders aus. Wer braucht schon eine schöne Flasche wenn er so viel "Value" für so wenig "Money" auf den Markt bringt. Großartig.

In den nächsten Tagen wird mit den "Probeflaschen" experimentiert. Pur wird die Mirabelle dem einen oder anderem erfahrenem Stammgast unterbreitet. 100% Lob. Vielfache "Schätzungen". Es fallen große Namen (für großes Geld). Durchweg Überraschungen. Größtes Lob von einem dänischem Sommelier und Wine Buyer. Stammgast Le Lion - sehr erfahren. Schlichtweg angetan. Als er den Preis hört, will er es nicht glauben. Als er die Flasche sieht, begreift er es. Er ist begeistert. Es folgt eine kleine Unterhaltung über Sinn und Unsinn sehr teurer Destillate. Selbstverständlich bei ein, zwei Glas Mirabelle.

Die Frucht des Destillates ist sehr ausgeprägt und es schreit danach, vermixt zu werden. Schlichte Kranz-Mirabellenbrand Sours und Collinses werden in den nächsten Tagen vermehr im Löwen serviert. Als wir unerwartet "out of Stock" laufen und einige Tage bis zur Lieferung brauchen, gibt es erste kritische Gäste. "Haben Sie schon wieder diesen Mirabellen Schnaps?"

Mirabelle Kranz im Löwen ist in diesem Sommer gesetzt. Und Mirabelle Kranz ist ein herrliches Beispiel dafür, warum eine gute Bar, sagen wir nun einmal vorsichtiger: NICHT IMMER Brands braucht.

Mirabelle Kranz ist kein Brand (Englisch "Marke"). Es ist schlichter Brand (Deutsch "Destillat"), viel Value for Money. Den Nicht"Brand"Brand in der Bar in Drinks einzusetzten bringt die Kontrolle zurück zum Bartender. Die Gäste machen kein Brandcalling wohl aber Brand Calling. Sie wollen ein Mirabellen Sour. Warum? Weil Sie dem Bartender vertrauen und das Ergebnis schlicht weg sehr gut ist. Ohne viel Drum herum. In einer guten Bar vertrauen Gäste dem Bartender. Und wenn dieser einen sehr guten Job machen, vertrauen Sie Ihm auch ohne jegliches Brand/Marketing.

Am Ende des Tages wollen erfahrene Gäste einen guten Drink im Glas. Das hast grundsätzlich nichts mit einer "Marke" zu tun. Manchmal ist ein brand nur ein Brand. Zum Gück!


Edle Obstbrände und Liköre
Ferdinand Kranz
Lindenstraße 4
54472 Brauneberg

Tel. 06534 / 659

Keine email, keine Webseite.