09.11.2009

Wider der Wichtigtuerei

„Ihr Mixologen kotzt mich an ...“ So, ich befürchte, nun habe ich die Aufmerksamkeit des geneigten Bartenders und Profitrinkers um den kommenden Zeilen eine gewisse Aufmerksamkeit zu schenken. Und jetzt, wo dieses Aussage so herrlich leuchtend vor uns steht und uns irritiert, ungefähr so wie ein Martini im Margarita Glas mit kunststoffroter Cocktailkirsche, nutzte ich die Gunst der Stunde um den Informationsüberfluteten Internetnutzer, Sie also, zu vollster Konzentration zu zwingen.


Ich erkläre das hier jetzt kurz, mit den Mixologen. Es ist nicht weiter schlimm, und soll hier auch nicht überbewertet werden. Am Ende jedoch kommen wir zu einer Frage, die indirekt mit diesem Mixologen Kram zu tun hat. Und da sind Sie dann gefragt. Stellen Sie sich vor, da möchte jemand Ihre Meinung wissen und Ihre Kreativität anzapfen. Bereit?


Los geht! Schuld ist Hendrik. Naja, nicht ganz. Bei TVINO eröffnete er mit der Frage „Jörg, Du bist ein Mixologe, erklär doch mal...“. Da war es wieder, mein Problem. Und eigentlich kann er gar nichts dafür, vielmehr hat er alles richtig gemacht. Er hat festgestellt, das er wieder vermehrt „gute“ Bars findet, und dahinter stehen dann auch oft „gute“ Bartender.


Menschen, die sich dem genussvollen Zubereiten von gemixten Getränken verschrieben haben und darüber hinaus auch noch gute Gastgeber sind. Sie haben in Ihren Augen wenig gemeinsam mit der dahergelaufenen Tresenkraft. (Ich gestehe, ich wollte gerade, „der studentischen Aushilfe“ schreiben, hab dann aber noch rechtzeitig festgestellt, das ich glücklicher weise selbst einen „Studenten“ beschäftige).


Im Grunde genommen ist es somit also ein Kompliment, wenn ein Außenstehender uns nicht mehr Bartender nennen will. Zu oft wurden er von Halbwissen, Inkompetenz und Profilierungsgehabte hinterm Tresen als Gast enttäuscht. Und nun treffen Sie jemanden, der in Ihren Augen das ganze mal recht anständig macht. Und Sie wollen Ihn „upgraden“, um eine Differenzierung zu all dem bisher bekannten „halbherzigem Elend“ hinter der Bar zu schaffen. Also suchen Sie nach neuen Titeln. Also werden aus Bartendern z.B. „Mixologen“. Soweit so gut.


Allerdings, wird dieser und ähnliche Begriffe in der letzten Zeit gelegentlich überstrapaziert. Nicht von Aussenstehenden, sondern von Bartendern selbst.
Wenn ein Dritter uns so nennt, ist das wie gesagt, als charmantes Kompliment zu sehen. Wenn wir selbst uns allerdings so betiteln, beginnt das Ganze komisch zu werden. Ich will hier keinen Grabenkrieg starten, soll jeder seinen selbstbeschönigenden Titel auf seiner Visitenkarten stehen lassen. Wenn es seinem Ego hilft.


Im Grunde genommen sprich rein gar nichts gegen die Bezeichnung Mixologe. Solange es Dritte benutzen. Wenn z.B. die immer noch ziemlich blinde Lifestyle Presse nach Jahren der Ignoranz erkennt, das sich eine Menge hinter dem Tresen getan hat, sollen Sie doch das Wort Mixologe benutzen. Der dem Tode geweihte Zweig des Massen Print Journalismus (oder vielmehr mittlerweile des eher bezahlten PR Schreibens) braucht einfache Worte um sie dem oberflächlichen Leser besser zu verkaufen. Zum Glück sind wir auf einem Blog. Sie als Nischen Leserling sind also in der Lage zu differenzieren - korrekt?


Es gab ein langes Interview mit dem Abendblatt, für ein neues Buch. Le Lion ist auch in diesem Buch vertreten. Das Buch wird redaktionell begleitet und in diesem Zusammenhang gab es einen charmanten Artikel über uns im Abendblatt. Die knappe Quintessenz zum Thema Mixologen im Abendblatt Print allerdings, schrie natürlich danach, von Fachkreisen „missverstanden“ zu werden - Zitat:"Selbst wenn es sich spießig anhört: Wir haben klare Regeln und sagen auch mal Nein!" Zum Beispiel zu lautstarken Gruppen, die sich nur betrinken wollen, wilder Hintergrundmusik, Red Bull, Piña Colada oder der neumodischen Bezeichnung eines Barkeepers als "Mixologe"..


Und ich habe sehr gelacht, als Helmut Adam, in bester Blogger Art, das natürlich aufnahm und noch mehr polarisierte ... Großartig !


"Mixologen" in Le Lion nicht willkommen - so die Überschrift ...YES!


So wird eine differenzierte Ansicht zum Thema „Wie wir uns selbst zu wichtig nehmen und in der Außendarstellung gerne mehr sein möchten, als wir sind“ aka „Mixologen statt Bartender“ am Ende des Tages zur Löwenhetzjagd auf Mixologen. O.k. jetzt hab ich etwas übertrieben. Muss ja auch mal sein.


Nein, Hand auf Herz. Sollen Dritte uns nennen wie Sie wollen. Wenn der Mixologe dann als Kompliment gemeint ist, nehmen wir es gerne an. Ich selbst mag nur nicht wenn man sich selber „erhöhen“ möchte, selbst einen künstlichen Abstand zwischen sich und dem gemeinen Bartender aufbauen möchte.


Dafür habe ich zuviel Respekt, vor den hunderten oder tausenden von großartigen Bartendern, Tresenkräften, Wirten etc. die vielleicht keine Old Fashioneds rühren, aber mit ehrlicher, gut gemachter Arbeit, und sei es ein gezapftes Bier, meinetwegen in einer Kneipe, ein guten Job machen. Die Arbeit hinter einem „einfachem“ Kneipentresen oder ähnlichen sei übrigens jedem Bartender empfohlen. Viele der Heute und Gestern „Großen“, die ich kennen gelernt habe, haben so angefangen. Und da Dinge gelernt, die Ihnen keine „gute“ Bar vermitteln konnte, Sie aber dringend benötigen würden.


Schon während meiner Ausbildung zum Kellner im Hotel in Hamburg war mir dieses Titelaufwerten zu wider. Die Handelskammer hatte zu dieser Zeit den Beruf des Kellner in den des Restaurantfachmann umbenannt. Was für ein Schwachsinn. Ein Kellner ist ein Kellner. Basta. Natürlich gibt es eine Menge Menschen, die hochgradig inkompetent andere Menschen in Restaurants bedienen und eben auch Kellner genannt werden. Es gibt aber auch echte Kellner. Profis, wahre Größen. Kellner halt. Tip Top Gastgeber. So wie es gute und schlechte Bartender gibt.


Während damals meine Abiturskollegen auf den anfänglich jährlichen Abitreffen beim „Wer ist Max Wichtig“ Wettbewerb immer vorne mitspielen wollten, und sich mit den wichtigsten Studiengängen überwarfen, sorgte meine Antwort „Ich „lerne“ Kellner“ auf Ihre „Und was studierst Du so?“ Fragen immer für herrliche Falten auf Ihrer Stirn.


Wem solche Unwichtigkeiten wichtig erscheinen, sollte vielleicht auch nicht in der Bar oder dem Restaurant arbeiten. Denn, eines darf man nicht vergessen. Am Ende des Tages, also, vielmehr mit Beginn der Schicht, sind wir Dienstleister. Wir bedienen Menschen, treten hinter Sie zurück. Sollten es ermöglichen, dass Sie einen schönen Abend haben. Sollten Ihre Bühne perfekt gestallten, Ihnen eventuelle als Statisten behilflich sein. Nur eines sollten wir nicht. Ihnen die Show stellen. Das ist schlechter Stil.


Wer aber auch am Abend der viel beachtete „Mixologe“ (oder sonst was Wichtiges) hinter der Bar sein will, sollte besser aufhören aktive in der Bar zu arbeiten. Neben ein paar „Jüngern“ wird er die wirklich tollen Gäste vergraulen und in der Regel auch ein Graul für seine Kollegen sein.


Am Tage, soll jeder machen was er will (Solange er mir nicht auf die Nerven geht... hehehe) . Ich freue mich über jede „Mixologen“ in der Presse - schließlich hilft es uns allen, wenn Menschen begreifen, das gute Bartender viel beherrschen.


Wie ich schon im Mixology Blog Kommentar sagte: „Grundsätzlich spricht nichts Gegen Mixologen, solange, Dritte, z.B. Journalisten oder auch Sommeliers (die sich ja auch zu Recht gerne Begrifflich vom "Kellner" differenzieren), jemanden so bezeichnen.Ich persönlich halte es lieber mit Patrick Duffy, 1934"„Bartending is an old and honorable trade. It is not a profession and I have no sympathy with those who try to make it anything but what it was. The idea of calling a bartender a professor or mixologist is nonsense“


Um auf meinen Opener zurückzukommen: „Ihr Mixologen kotzt mich an ...“ würde ich niemals sagen. (Schenkt einem aber Aufmerksamkeit)„Bartender“ - und am Ende des Tages „Gastgeber“. Aber ich kann jedem erzählen, das ich den schönsten Beruf der Welt habe, auch wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich Ihn bezeichnen soll.


Was fehlt noch? Ihre Mithilfe, zum Abschluss. Wie gesagt, am sollte sich nicht zu ernst nehmen. Und bei Tageslicht, vor der Bar und meinetwegen vor der Kamera sollen uns Dritte nennen wie Sie wollen. Und noch ein wichtiger Hinweis für Goldwaagen Leger: Ich selber sitzt im Glashaus, schließlich gründete ich die Traveling Mixolgists ...


Dennoch, Ich suche Ihre persönlichen Highlights der „Wichtigtuer Titel für Bartender“, die man sich (nach Nov. 2009 niemals) auf die Visitenkarte drucken lassen sollte.


Neben Mixologe fällt mir z.B. noch „Drink Smith“ oder „Master Mixologists“ ein.


Ich bitte um Kommentare.


Und ausserdem suche ich einen ernst gemeinten Titel. Eine Kategorie Bezeichnung für Blogger. Menschen, die übers Essen bloggen werden häufig FOOD BLOGGER genannten. Die Weinschreiberlinge heißen Weinblogger ... Nur wie nennen man die Blogger, die rund um das Trinken schreiben. Cocktailblogger? sind ja nicht nur Cocktails.... Drinks Blogger? ... Gibts es da Meinungen und Vorschläge? Und kommen Sie mir nicht mir Mixologisten oder so ....


Also, den letzen egomahnischen Visitenkartenentwurf nun aber schnell in die Mülltonne und hier kommentieren. Mit selbsternannten Mixologen ist es 2009 wahrscheinlich wie mit diesen „Consultern“ - mehr Schein als Sein!

Posted via email from Joerg Meyer