26.10.2009

Winke für den jungen Bartender: Teil 1 - Keine Gespräche über Politik und Religion in der Bar

Ich weis nicht genau, wann mir mein alter Barchef, Herr Ulrich, seiner Zeit diese "Barkeeper Weisheit" vermittelte, aber ich habe Sie in meinen jüngeren Bartender Jahren noch häufiger zu hören bekommen. Gut so. Denn tatsächlich: nur Hitzköpfe und profilierungssüchtige Jung-Bartender stehen hinter der Bar und sprechen mit Ihren Gästen über Politik und Religion. Statt, wie es sich gehört, übers Wetter!

Man will Realist bleiben: über Religion wird in der Regel relative wenig gesprochen. Zumindest über klassische Religion. Was nicht unbedingt heißt, das Gespräche über Klangschalen, Esoterisches, meine innere Ruhe, Jing Jang Jung usw. jetzt unbedingt besser wären - aber das ist ein andere Geschichte.

Was bleibt, aber besser ausbleiben sollte, sind Gespräche über Politik. Und die, das meine ich ernst, haben zwischen Bartender und Gast in keiner Bar etwas zu suchen.

Umso mehr musste ich heute schmunzeln, als ich eine Pressemitteilung einer Kommunikationsagentur lass. Ich habe die Produktnamen "ersetzt" um nicht ungewollt die Clippingwerte durcheinander zu bringen:

"Berlin, 26.10. 2009 - Rechtzeitig zur Unterschrift des Koalitionsvertrages zwischen CDU, CSU und FDP hat Barchef Dominik Galander aus Berlin einen offiziellen Cocktail für Schwarz-Gelb kreiert – den Coalition 2009. Mit diesem Drink können Gäste exklusiv in dieser Woche in seiner Kreuzberger Bar Galander auf die neue Regierung anstoßen – oder damit ihren Frust ertränken. Um einen perfekten schwarz-gelben Cocktail zu kreieren, der nicht nur farblich, sondern auch geschmacklich begeistert, musste der Bartender allerdings tagelang experimentieren, bis er zu einem Ergebnis kam, das ihn zufrieden stellte: „Gut, dass die Verhandlungen ein wenig gedauert haben. Aus Bartender-Sicht wäre Rot-Rot einfacher gewesen“, so Galander bei der Präsentation seines Werks Coalition 2009, mit dem er auch Anhänger anderer Parteien und Koalitionen überzeugen möchte. Wer sich die neue Regierung selber zusammen mixen möchte, kann sich an folgendes Rezept wagen:
Coalition 2009
1cl ******* Heidelbeerlikör eines verdammt guten französsischen Sirups
2cl eines ebenfalls guten Kaffeeliköres,
2cl eines ausgezeichneten griechischen Weinbrands
das Ganze shaken und in eine Martinischale abseihen.

3cl Mangopüree (frische Mango mit Mangosirup)
2cl Orangensaft
2cl Maracujanektar
1cl klassischer französsicher Triple Sec der Extra Qualität
in den Mixer geben. Die Mixtur wird dann über einen Löffelrücken auf die schwarze Oberfläche gegeben. Es entstehen zwei Schichten - die untere schwarz und die obere gelb. Prosit!

Alle Gäste haben in dieser Woche (26.10. -1.11) die Chance, den Drink vom Erfinder persönlich gemixt zu bekommen:
Galander, Großbeerenstraße 54, 10965 Berlin
www.galander-berlin.de

Dominik Galander steht für Interviews zur Verfügung - Kontakt bitte über mich aufnehmen."

Nun möchte ich nicht missverstanden werden. Ich möchte hier in keinster Weise Kritik an dem von mir mehr als geschätzten Kollegen Galander oder seinem Team üben. Ein Besuch dieses erstklassigen Hauses sei jedem Berlin Besucher mehr als ans Herz gelegt. Herr Galander und seine Bar sind Garanten für erstklassige Drinks und Atmosphäre.

Dennoch, unabhängig vom Keeper, sei Kritik an dieser Form der "Öffentlichkeits Arbeit" angebracht. Was für Bartender gilt, sollten für Spirituosen PR schon lange gelten - Keine Politik.

Meine Herren (Verzeihung, Damen und Herren!): Presse um jeden Preis? Aber nicht doch! Wir Bartender haben uns bei Catering Aufträgen ja schon daran gewöhnt eben jene mit maximal 50% Hirnleistung aus Selbstschutzgründen über die Bühne zu bringen. Wie sonst sollte man "nichtzuverbessernde" Eventagenturmitarbeiter/innen überleben, die uns wirklich, 2009, immer noch davon überzeugen wollen, das ein Cocktail in den Farben des Veranstalters die "Größte Mögliche Innovation" auf Erden ist.

WOW!

Aber jetzt noch gekoppelt an Politik ...hei jei jei. Na ich weiss nicht? Westerwave und Co um erfolgreich Spirituosen zu vermarkten? Da schiessen einem Szenarien durch den Kopf. Die treue Kundschaft des Griechischen Weinbrands, zwei mal die Woche bei Rhodos in Eimsbüttel um die Ecke, er die 24, sie die 35 ohne Knoblauch, plötzlich auf Gedeih und Verderb Unterstützer der neuen Koalition? Nur weil Sie diesen blöden Ouzo nicht mögen und sich zum Abschluss gerne den siebten Stern gönnen?

Gefährlich! Ich könnte das hier weiterspinnen, mir Oppositions Cocktails von Campari und Pisang Ambon überlegen und so weiter und so fort. Die Erkenntnis bleibt seit den Anfängen meiner Ausbildung gleich. Herr Ulrich hatte recht: Politik und Religion gehören in keine gute Bar. Nachtrag 2009: Und in keine Öffentlichkeitsarbeit.