08.01.2009

Barkultur für Bartender - Teil I

Vorgestern saß ich an einem Tresen der Stadt. Es war früher Abend und ich musste eine halbe Stunde "überbrücken". Ich trank einen Doppelten Espresso und lass brandeins. Zwei Herren betraten den Raum und stellten sich an die Bar. Ich kannte beide sehr gut seit Jahren aus Cafe Paris, "Guter Löwe" und Le Lion. Sie bemerkten mich nicht. Der eine ist um die fünfzig, und besitzt eine respektable Anzahl an Immobilien in Hamburg und Berlin. Sehr gutes Benehmen, cooler Typ. Im Cafe Paris glänzt er immer durch enorm gute Weinbestellungen. Von sehr Hochpreisig bis Underdog trinkt er durch die Bank weg beste Qualitäten Wein und Champagner. Solange die Qualität stimmt, ist kein Wein "zu teuer". Seit einigen Jahren achtet er bei seinen Drink Bestellungen aus gesundheitlichen Gründen auf den Zuckergehalt.

Der andere, schätze mal Mitte 40, ist ein ziemlich bekannter Architekt. Er hat an bekannten Projekten in Hamburg und Berlin mitgewirkt und arbeitet nun auch weltweit, z.B. Dubai und Moskau. Auch er ein mehr als angenehmer Gast. Trotz seines mittlerweile "Weltruhms" immer ruhig und cool - nie arrogant.

Die beiden gehen an die Bar und bestellen Longdrinks. "Einen Vodka Tonic, und einen Vodka Cola light, bitte". Vodka Cola light ist sicherlich keine alltägliche Bestellung - wenn man aber um Zuckerproblematik dieses Herren weiss,  durchaus gerechtfertigt. Ich kenne Ihn schon seit Jahren und ich weiss das er Gin und Tonic liebt. Gelegentlich bringe ich Ihm oder er mir Tonic light mit. Ein Produkt was Schweppes in Spanien vertreibt aber unverständlicher weise nicht in Deutschland. Statt dessen lieber den hundersten "Bullshit" Flavour - aber das ist ein anderes Thema. In Ermangelung an Tonic light also immer Vodka Cola light.

Der junge Bartender setzt sich in Szene. "Welchen Wodka möchten Sie ? Ich empfehle Ihnen einen sechsfach destillierten Premium Vodka aus  XXXX. Ein fantastisches Cuvee aus Roggen und Weizen. Er wird mit reinem Quellwasser versetzt und ist der mildeste Wodka den ich kenne. Alternative haben wir einen sehr schönen dreifach destillierten Roggen Wodka, der nach mehren Monaten Ruhezeit  mit echtem Gletscherwasser aus 3000 Meter Höhe verschnitten wird. Falls Sie lieber Super Premium trinken möchten, haben wir noch einige Vodkas zur Auswahl"

"Oh mein Gott" dachte ich " die Herren wollen einfach einen Longdrink!". Ich musste mich tiefer in meine brandeins graben, um mir mein Grinsen zu verkneifen. Ich kannte die beiden sehr gut und wußte wie wenig Tolerant die beiden bei "Klugscheissertum" sind. Es gab zwei Möglichkeiten: Nummer eins - Sie nehmen die jungen Mann Volley und zerreißen Ihn in der Luft. Nummer zwei: Sie lassen den armen, verblendeten Bartender nicht merken, das er Mist erzählt und werden sich über Ihn lustig machen.

Glücklicherweise entschieden die Beiden sich für Variante 2. "Wir nehmen gerne den 6 fach destillierten - TOLLE Empfehlung". Bartender, sichtlich zufrieden, macht sich an die Arbeit. Daraufhin die beiden weiter im Gespräch "Ich hatte vor kurzem einen 4 fach destillierten - bei Cola light schmeckt man den Unterschied wirklich" " Der Architekt:" Dreifach destilliert geht in seltenen Fällen. Ich finde wenn das Roggen / Weizen Verhältnis passt, funktioniert so ein DREIFACHER auch mit Tonic" ...

Ich hörte dem Gespräch noch einige Minuten zu und musste wirklich Grinsen. Ich zahlte und verließ die Bar. Beim hinausgehen definierte ich etwas Umgangsprachlich

"Barkultur für Bartender - Teil I - Wer nichts zu sagen hat oder nicht gefragt wird -> einfach mal die Schnauze halten! "

Etwas höflicher formuliert: Barkultur ist die Kunst, sich als Bartender im richtigen Moment zurückzunehmen und dem Gast zu dienen.

Gestern Abend über ein ähnliches Thema mit Mario Kappes geredet. Er erinnerte mich an ein fantastisches Zitat von Stefan Gabányi - das dieser mal anlässlich eines Le Lion Besuchs im Löwen "fallen" liess

Barkultur für Bartender : Teil II  / by Stefan Gabányi: "Es ist schön zu sehen, wie gut mittlerweile viele Bartender Sazeracs "bauen" können - den meisten von Ihnen fehlen aber die Jahre, in den Sie in einer Kneipe gearbeitet haben."

Ein Teil der Barkultur sind sorgfältig zubereitete Getränke - Viel wichtiger aber noch ist Menschenkenntnis. Diese kann man nicht theoretisch erlernen. Jahrelange Praxis im Umgang mit Menschen jeder Colour ist die beste Schule.

to be continued...